Baufirma Meissel & Co.

Theater und Gesellschaft – Anbindungen

Königsgeschichte / Schwalbach/Taunus © Baufirma Meissel und Co.

"Pragmatismus hat uns sehr viel weitergebracht." Durch persönliche Kontakte befördert entwickelt sich eine pragmatische Verbindung zur evangelischen Kirche. Räume werden genutzt  und das damals noch auf die Kirche beschränkte Laienspiel hat auch andere Theaterinitiativen befördert. Es ergeben sich Querverbindungen zu Fritz Rohrer (Beratungsstelle für die Gestaltung von Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen bzw. Spiel&TheaterWerkstatt Frankfurt)  in Frankfurt am Main, Klaus Hoffmann (Bundesarbeitsgemeinschaft  Spiel und Theater e.V.) in Hannover und der Berliner Gruppe DAGOL. Im Laufe der Zeit wird Baufirma Meissel & Co. immer wieder von der Kirche, von Pfarrern unterstützt und die Kirche wird zur Bühne. Zum Beispiel spielt Baufirma Meissel & Co. für die Homosexuellen-Initiativen im evangelischen Klerus auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag Jahr 1979 in Nürnberg. Oder Baufirma Meissel & Co. bietet als bezahlten Auftritt in der Nicolaikirche in Frankfurt am Main politisches Kindertheater zum Thema Weihnachten. Oder Baufirma Meissel & Co. thematisiert den Militär-Putsch in Chile, Allendes Tod und die Ausweisung der linken Opposition. Ein befreundeter Pfarrer hält in dieser Zeit die Verbindung zu seiner Frau in Chile, stösst das Thema mit an und spielt jahrelang in der Gruppe mit.
Schon sehr früh beginnen die Auftritte im Frankfurter Jugendhaus Mitte. "Wir haben sehr viel über die Jugendzentren gemacht, weil wir selber in dem Alter waren, Jugendarbeit gemacht haben. In den offenen Jugendzentren haben wir häufig gespielt. […] Weil sie gesagt haben, das ist unser Thema, was ihr da macht. Das ist ein Thema von Jugendlichen, kommt her, spielt. Wir holen die Liedermacher und wir holen euch auch. Eure Aussagen sind unsere Aussagen." Auch gesellschaftlich relevante Verbände sind Partner für den Spielplan der Baufirma Meissel & Co. Im gewerkschaftlichen Kontext wird beispielsweise in Bamberg eine Inszenierung über arbeitslose Jugendliche mit Jugendlichen entwickelt. Mit Umweltverbänden entstehen Aktionen mit aus Plastikmüll gebaute 'Umweltpuppen'. Ganz viele Programme werden für die Friedensbewegung inszeniert, für die Anti-Kernkraft-Bewegung und vereinzelte Kleingruppen. "Wir haben nie ein Stück über Vietnam, Biafra den amerikanischen Imperialismus oder nur über Angela Davis gespielt, sondern das Thema ist immer ein Aspekt einer Montage in einem größeren Zusammenhang. Immer wenn wir für etwas gespielt haben, dann für Organisationen wie Amnesty International oder den Kinderschutzbund." In Bonn wird in der Beethovenhalle das Jahr des Kindes 1972 in Deutschland mit einem linken Stück über Kindesmißhandlung eröffnet, die Brot-für-die-Welt-Aktion wird mit einem Rassismus-Stück begleitet und die Gruppe tritt mit ihren Märchenparodien auf der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover auf.

Kinder sind kein Eigentum / Mainz 1979 © Baufirma Meissel und Co.

Über die Jahre wandeln sich die Interessen der Theatergruppe, der Partner und des Publikums. Anfangs stehen Anti-Gewalt-Aktionen auf dem Programm. Bei einer der ersten Anti-Rassismus-Aktionen wird eine Schauspielerin schwarz geschminkt und blutend auf die Berger-Straße vor den Kaufhof gelegt. Verdeckt aufgezeichnete Reaktionen mit teils rassistischen und inhumanen Äußerungen werden  anschließend mit dem Straßenpublikum diskutiert. Später wird 'verdecktesTheater' (Brecht) nicht mehr eingesetzt. Die Erfahrungen aus solchen Aktionen werden aber bei der oft für Friedensinitiativen gespielten Königsgeschichte eingebracht. In dem Märchen agieren lebensgroße Stabpuppen und Großfiguren. Die Handlung bricht plötzlich ab und das Publikum diskutiert und bestimmt durch Abstimmung, wie das Stück zuende gespielt wird. Die Baufirma Meissel & Co. stellt sich auf das jeweilige Publikum ein und denkt auch anders für Kinder mit. Sie spielen immer für Amnesty International, später auch für die neugegründeten Umweltinitiativen wie Greenpeace. So ist 'Ökoseum' über Fleischtransporte etc. entstanden. Gleichzeitig entwickelt sich als Kontrastprogramm zu den ernsten Sachen eine neue Lust am Blödsinn. Baufirma Meissel & Co. macht Kabarett und politisch ambitioniertes Kneipentheater.
Die Programme der Theatergruppe werden für die einzelnen Interessenten entweder aus bereits vorhandenen Szenen zusammengestellt, ergänzt oder neu produziert. Beispielsweise wird auf Anfrage eine Tournee durch Deutschland produziert – mit Auftritten in den Drogenberatungsstellen für die betroffenen Jugendlichen und auf der Straße für das allgemeine Publikum zur Aufklärung über Drogenabhängigkeit als Krankheit im Gegensatz zur landläufigen Einschätzung als kriminellem Delikt. Ein Folgeauftrag der Guttempler erbringt ein Honorar als Basis für weitere Auftritte in Jugendinitiativen oder auf der Straße ohne Gage. Mit der Einladung zum Deutschen Jugendbuchpreis in Göttingen erspielt Baufirma Meissel & Co. zu jedem ausgezeichneten Buch ein Stück, die Szenen werden wiederum für andere Auftritte und Zusammenhänge genutzt.

Vivat Latwerge / Szene Karl der Grosse, Schwalbach 1981© Baufirma Meissel und Co.

Weitere Produktionen entstehen im Umfeld des Buchhandels und des Verlagswesens. Nach dem satirischen Auftritt mit der Zeitschrift Pardon werden Baufirma Meissel & Co. von der Frankfurter Buchmesse selbst engagiert. Die Theatergruppe kommt mit der vorhandenen Johannes-Inszenierung und sorgt mit einer Bücherverbrennung für Konfliktstoff. Die Verbrennung eines [wertlosen] Buches wird zum Aufreisser für eine öffentliche Diskussion zwischen dem anwesenden Fachpublikum und führt zu immer noch anhaltender Kritik aus Schriftstellerkreisen. "Man verbrennt keine Bücher. […] Allein die Tätigkeit, dass wir Bücher verbrannt haben, das war für die so schlimm. Das war aber klasse. Was die nicht geahnt haben. Die haben im Publikum diskutiert mit den Leuten. Das hätten wir gar nicht geschafft. Das waren ja Fachleute. Was die Idioten da vorne machen; die haben sich aufgeregt. Und da haben die anderen gesagt: Ja Moment mal, die woll'n uns nur zeigen, dass da ein Buch verbrannt wird usw. Und da haben die uns verteidigt, waren aber auch gegen uns – eigentlich. Das war toll. Und so entwickelt sich im Grunde genommen diese Gegenthese und macht sich selbstständig. Und das Publikum macht das Theater."
"Eingebettet waren wir eigentlich nie." Geleitet wird die Theatergruppe durch die im Schneeballprinzip sich entwickelnden Auftritte, ist aber nie abgesichert. Im Laufe der Zeit nehmen die Anfragen aus der literarischen Szene zu. So ist die Baufirma Meissel & Co. beim Bänkeltheaterfestival in einer wenig profilierten Szene erfolgreich, bekommt eine gute Presseresonanz und weitere Angebote zu den 'Vorformen der Literatur' folgen. Auf Anregung des Mitautors Karlhans Frank veröffentlicht Diethard Wies 1988 die 'Lieder für die Einbauküche'. (jk)

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