Baufirma Meissel & Co.

Theater und Gesellschaft - Soziale Bewegungen

Mauern / Gruppenfoto für die Presse © Baufirma Meissel und Co.
Mauern / Premiere, Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.

"Für Karl Valentin, der sicher noch oft zurückdenkt an die gute alte Zeit." Die Widmung setzen Baufirma Meissel & Co. 1971 in ihre erste Publikation 'nr. 1 und co. – DAS BIN ICH, ich hab noch 100 stück davon'. In komprimierter Form versammelt dieser Erstling exemplarisch die Inhalte und die Gestaltung dieser Zeit, wie sie von der Schülerzeitung bis zu Pardon zu finden sind. Die in Kooperation mit dem Trikont-Verlag herausgegebene Sammlung von Notizen, Texten und Collagen beschreibt auch die Produktionen 'Mauern' und 'Burn Burn'. Es werden Anekdoten, Geschichten erzählt, auch harmlose. Der erste Handzettel macht darauf aufmerksam, dass junge Männer mit 21 Jahren das Wahlrecht erhielten, mit 18 Jahren aber schon den Grundwehrdienst leisten mussten – und verweigert wird selten. Ein Hamlet-Denkmal wird mit einem Gewehr und einem Bob Dylan Statement verschnitten: "Don't think twice, it's all right." Neben Assoziationsketten und Beschreibungen der Gruppe stehen Schilder, Buttons, erfundene Visitenkarten, Holzschnitte, auch Nonsens. "Kunst haben wir immer gemacht."
Die Kunst verbindet sich mit den sozialen Bewegungen. Es werden nicht nur Songtexte wie 'I've seen the bad moon rising' der Creedence Clearwater Revival-Band, die auch bei dem legendären Festival in Woodstock aufgetreten ist, eingesetzt. Auch das 'Concert for Bangladesh', die von Ravi Shankar initiierte und von George Harrison gemeinsam mit der UNICEF realisierte erste derartige Benefizveranstaltung, setzt Akzente für das Ineinandergreifen von künstlerischen und humanitären Aspekten. Auftritte der Baufirma Meissel & Co. mit 'Burn Burn' zum Thema Rassismus werden kombiniert mit dem Verkauf von Lebensmitteln aus der Dritten Welt. In dem weiten, sich transformierenden Spektrum der linken Szene bzw. sozialen Bewegung hatten die im engeren Sinn politischen Aktionen ebenso wie die Dritte-Welt-Aktion Platz. Beispielsweise wird auf Anregung eines Frankfurter Jugendzentrums 'Burn Burn' in einer gemeinsamen Aktion mit dem Dritte-Welt-Handel aufgeführt. Nebenbei wird bei dieser Gelegenheit zusammen mit dem Grafiker Reinhard Schubert ein Logo entwickelt, das in leicht abgewandelter Form noch heute für die 'Welt-Läden' und eine Fair-Trade-Kette steht. Und gleichzeitig entsteht ebenfalls im gemeinsamen Prozess das Logo der Baufirma Meissel und Co.

Hungermarsch / Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.

Im Vorspann der zweiten Veröffentlichung, 'Kinder sind kein Eigentum. Ein Theaterexperiment' von Claus Biegert und Diethard Wies, wird 1973 ein kurzer Abriss zur Entstehung der Baufirma Meissel & Co. gegeben. Bis 1968 steht die Politisierung der Gruppe im Vordergrund, bis 1975 werden davon ausgehend neue Lebensformen in der Praxis überprüft. Später sind die politischen Strömungen und sozialen Bewegungen allgemein einer zunehmenden Dynamik unterworfen. Esoterik statt Kirche und die Radikalisierung der Roten Armee Fraktion bilden zwei Fluchtpunkte dieser Entwicklungen. Auch wer sich sich nicht zur RAF (Rote Armee Fraktion) zugehörig fühlte, wird von der schärferen Auseinandersetzung zwischen der Polizei, dem Staat und den links stehenden Gruppierungen betroffen. Findet sich in den Produktionsphasen der Gruppe diese Entwicklung der sozialen bzw. politischen Bewegung wieder? D.h. hat die Gruppe den Wandel mit all seinen Veränderungen und Biegungen mittransportiert? Könnte man die Arbeiten auch lesen als Geschichte der linken Bewegung? Die sechziger und siebziger Jahre wirken wie ein Treibmittel für die Gesellschaft und die Baufirma Meissel & Co. ist ein Teil davon. Alles hat sich weiterentwickelt, auch die dem linken Spektrum zuzuordnenden Gruppierungen der sozialen Bewegung. Aber die Baufirma Meissel & Co. ist kein Teil der politischen Landschaft. (jk)

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