Baufirma Meissel & Co.

Künstlerische Prozesse - Dialektik

Kinder sind kein Eigentum / Szene Weiß die Katze… © Baufirma Meissel und Co.
Kinder sind kein Eigentum / Studio, Sinkkasten, Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.
Kinder sind kein Eigentum / Sinkkasten, Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.

"Grundlage beim Straßentheater ist eigentlich das jüdische Denken. Ich stell' 'ne Kasche, heißt: Ich stelle eine Frage. Es wird nicht gepredigt wie bei den Christen, […], sondern du lernst. Ich geh' in die Synagoge, zur Schule (Juddeschul) zum Lernen. Und da sind wir beim Theater gelandet. Das heißt wiederum: Ich nehme mir einen Text aus der Bibel und jetzt kommt nicht jemand, der Dir erzählt, was einem dazu einfällt und was er einmal erlebt hat […], sondern Du hast einen Text und jetzt stellst Du eine Frage. Und die Frage stellt diesen Text in Frage. These – Antithese. Ich stell' nur die Antithese."
Ein alter Jude steht mit seinem großen Koffer am Bahnsteig. Als der Bahnhofsvorsteher ihn freundlich fragt, ob er seinen Zug verpasst hat, antwortet er: "Nona, verscheucht werd' ich ihn haben." Vom exemplarischen jüdischen Witz schlägt Diethard Wies einen Bogen dialektischen Denkens über die jüdische Textauslegung bis zur materialistischen Philosophie und der Dramatik von Bert Brecht.
"D.h. ich bin immer wieder aufgefordert, alles in Frage zu stellen und zu neuen Synthesen zu kommen, die wiederum (Hegel) eine neue These sind. Und diese neuen Thesen sind das, was beim Publikum ankommen muss, wenn du gutes Theater machst."  Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel ist ein Zeichen der Jugendkultur dieser Zeit. "Nichts war IN außer'm Sit-in." Die Antithese ist eine Methode, um zu einer Erkenntnis zu kommen, und sie ist eine antifaschistische Haltung gegen das faschistische Das-war-ja-immer-schon-so mit der damit verbundenen Stilisierung der germanisch-deutschen Geschichte. Der Kommunegedanke wird gegen die Familie gestellt, der kollektive Text gegen den Autortext. "Wir waren gegen den Lehrer, gegen die Autorität, die sich im Grunde nur begründet hat mit der Autorität. Nur weil sie die Macht hatten, hatten sie auch das Gefühl, sie hatten auch das Sagen. Und irgendwo stimmt das nicht. Drumherum hat's geheißen, wir sind Demokraten. Wir waren keine Demokraten. Wir haben das von den Amis geschenkt bekommen und damit nicht viel angefangen."
Widersprüche und Gegensätze begleiten auch die Betrachtung eines selbst gestalteten Buches als Anregung für die Theaterarbeit der Baufirma Meissel & Co. Auch die katholische Kirche wird kritisch beleuchtet. Die Kirche arbeitet auch mit Theatermitteln, ihr Machtapparat bestraft und lässt keine Kritik zu. Der Gottesdienst ist Vollzug (sprachlicher) Rituale. Erst in den sechziger bzw. siebziger Jahren ändern sich auch die Einstellungen der Kirche – doch bis heute wird Kritik an der katholischen Kirche geübt.

Johannes Projekt / Kunstprojekt auf der Münsinger Alp © Baufirma Meissel und Co.

Ebenso spielt eine Collage mit der us-amerikanischen Freiheitsstatue mit Gegensätzen. Der Engel mit dem Kopf der Freiheitsstatue und einer Maschinenpistole wirkt als Szene. "Die Freiheit widerspricht der Maschinenpistole, der Engel widerspricht der Maschinenpistole, der Engel hat eigentlich mit Freiheit nichts zu tun und trotzdem schiebt man ihn lieber zur Freiheit als zur Maschinenpistole." Während das Bild für Diethard Wies eine antiimperialistische Lesart hat, ist das Werk auch für andere Lesarten offen. Andere sprechen bei der Betrachtung von der Freiheit, die (sich) manchmal mit der Waffe verteidigen muss. Oder das Bild zeigt den Racheengel Amerika, der überall auf der Welt auftaucht. Und Kinder sprechen einfach vom bösen Engel.
Auf der Frankfurter Buchmesse 1972 halten fünf überlebensgroße Freiheitsstatuen Fackel und Buch. Statt mit der Unabhängigkeitserklärung in der Hand die Freiheit zu bewahren, verbrennen sie die Bücher. Die Aktion über verbotene bzw. nicht gedruckte Bücher, das Anti-Strauß-Buch, die Reportagen von Günter Wallraff, die Doktorarbeit des Bundeskanzlers Helmut Kohl wird unter dem Titel 'Johannes, der Täufer' gezeigt. "Am Anfang war das Wort": Mit diesem Beginn des Evangeliums wird eine Anti-Schöpfer-Geschichte erzählt. Dieser Zugriff ist von einer Interpretation der Texte als Zeitdokument genauso weit entfernt wie vom Blick auf die Geschichte des Bibeltextes, der im Autorenkollektiv entstanden und zunächst in mündlichen Überlieferungen weitergegeben worden ist. Hier belegt das Beispiel nur, dass die im Theater verwendeten Bilder nicht nur durch das Gespräch zustandekommen, sondern Bildmotive gesammelt und in produktiven Kontrasten zusammengesetzt werden. (jk)

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