Baufirma Meissel & Co.

Theater und Gesellschaft - Gemeinschaft

Abbau und Laden / Münsinger Alb © Baufirma Meissel und Co.

Die Hinwendung zur Gruppenkonstellation als struktureller Basis für Aktivitäten liegt in der Luft – die Spanne reicht von privaten (Kommune) über politische bis zu künstlerischen Gruppenprozessen. Diese Haltung hat die Baufirma Meissel & Co. exemplarisch in ihrem Feld mit familiären Bindungen und Freundschaften ausprobiert und genutzt. Zwei Brüderpaare, Freundschaften, die auch zu einer Reihe von Ehen geführt haben, dauerhafte 'Männerfreundschaften' mit wöchentlicher Korrespondenz. Bis heute sind noch zwölf Personen der ursprünglichen Gruppe von 1968 miteinander in Verbindung.
Die Inszenierungen entstehen mit einem größeren Kreis von Personen im Umfeld der Kerngruppe, die mitgesammelt und mitgeschrieben oder die Regie übernommen haben. Seit Beginn wird ein Newsletter auf Spiritus-Karbon-Basis mit Terminen und Texten herausgegeben und einer Auflage von etwa 50 Stück an die Gruppenmitglieder,  Freunde und Partner, aber nicht an die Presse verteilt.
Ende der sechziger Jahre sind Texte zur NPD, der Bundeswehr und zum Krieg verzeichnet. Es gibt einen Aufruf zur aktiv(er)en Mitarbeit an das Ensemble und Gedichte im Zusammenhang mit ihrer Sendung im Bayerischen Rundfunk über politische Gedichte. In fast vierzig Jahren werden die einhundert Ausgaben immer interessanter, enthalten immer mehr, später auch selbstgestaltete Illustrationen und Vorabdrucke eigener Arbeiten. Die vier Ordner sind Teil des Gruppenprozesses und dokumentieren die Recherche zu den Produktionen.
Diethard Wies hat vieles aus Kindheit und Jugend mitgenommen und in das Theaterkonzept integriert. Und umgekehrt war die Baufirma Meissel & Co. ein Katalysator für die persönliche Entwicklung der einzelnen Gruppenmitglieder. Für den einen war sie Voraussetzung für den Job in der Werbung, für den Mut zu einem Vortrag, andere haben ihre Berufswahl aus den Erfahrungen der Theaterarbeit abgeleitet. Die mit der Werbung verbundene Psychologie, die Formen des alternativen us-amerikanischen Theaters haben die Gruppenmitglieder geprägt. "Der Dramaturg ist, wenn er seine Sache gut macht, nichts anderes als der Didaktiker in der Schule. Und der wiederum ist nichts anderes als der Werbefuzzi in der Agentur, der seine Zielgruppe kennt."

Probe / Studio am Römerberg, Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.
Tonstudio / Aufnahmen für 'Mauern' etc., Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.
Hamlet-Probe / Stettenstraße, Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.

Aufgewachsen sind alle in den Jahren des Wirtschaftwunders mit verstärkter Werbung und Tourismusangeboten, in den siebziger Jahren wird diese gesellschaftliche Dynamik kritisch befragt. Doch die schon 1957 erschienene, aber später in Deutschland rezipierte Publikation "Die heimlichen Verführer" von Vance Packard wird in einer anderen Ecke gesehen. Psychologie ist ein Motor, der durch die Anwendung der Techniken der Werbung, durch die Pädagogik der Sensitivity-Übungen und aus der antiautoritären Bewegung heraus, Schwung in die Gruppe bringt. 'Das Prinzip Summerhill' von A.S. Neill ist die wichtigste Lektüre dieser Zeit, macht psychologische Prinzipien auch ohne Studium verständlich. Denn nur ein Teil der Baufirma Meissel & Co. hat studiert, schon gar nicht Germanistik oder Theater, sondern Theologie, Betriebswirtschaft und Ingenieurwissenschaften.
"Wir haben auch immer wieder gesagt, wir machen Zielgruppentheater. Und davon haben wir alle unheimlich profitiert. Und wir haben unsere eigenen Kenntnisse mit reingebracht. Unser Harald zum Beispiel, von dem stammt der berühmte Baufirma-Satz, Is'n Presslufthammer 'ne Schwierichkeit?" Probleme werden praktisch angepackt. Im Studio in der Stettenstraße hat die Baufirma Meissel & Co. eine Scheinwerferstange bis in den Boden des Kellers mit schnell abbindendem Zement verankert. Auf die Frage des Hausbesitzers nach der Demontage hält die Baufirma Meissel & Co. die passende Antwort bereit. Was Harald beim Gehegebau im Zoologischen Garten gelernt hat, kann er auch beim Bau großer, wasserdichter Puppen einsetzen. Und auf der Bühne lernt er frei sprechen. "Nicht immer kommt der Dialekt gut an", erfährt der Metaller Hermann und probt im Theater das dialektfreie Sprechen. Zwischen der Entwicklung des Theaters und den persönlichen Entwicklungen der Gruppenmitglieder bilden sich produktive Synergien.
Bis 1975 hat Diethard Wies eine Zeitlang vom Theater gelebt. Doch ab 1976 finden keine Proben mehr statt und werden durch Absprachen ersetzt. Der Wandel der privaten bzw. beruflichen Beziehungen und Ansprüche wird als Zeitmangel spürbar. Erste Ehen sind geschlossen, erste Kinder zur Welt gekommen, der Weg führt vom Dasein als Lehrling in den Beruf. 1977 beginnt Diethard Wies sein Lehramt. Mit einer festen Stelle als Lehrer in Schwalbach ist das Theaterdasein nur noch bedingt vereinbar; eine frühzeitig zugesagte Deutschlandtournee muss ohne ihn stattfinden.
Die Mitteilungen der Gruppe werden nicht bis zum Auseinandergehen der Gruppe fortgeführt. Sie finden ihren Abschluss, als die Mitteilungen einen zunehmend privaten Charakter erhalten und die Rückmeldungen von außen selten werden. Geblieben sind die Regiebücher als Sammlung collagierter Notate zu den jeweiligen Inszenierungen. Sie werden auch bei Aufführungen mitgeführt, um Texte zu zitieren. Eines wird mal geklaut, aber nach einem Presseaufruf zurückgegeben. "[Diese Notizen] sind ganz nah dran [an der Produktionsentwicklung] bis hin zur Produktion selber, da sind also auch die Texte drin, die wir dann gespielt haben. Aber nicht vollständig. Es ist nie vollständig. Geht auch gar nicht, weil wir vieles im Wegwerfverfahren gemacht haben: Einmal gespielt und vergessen."

Dem Jokkob seine Nachbern / Vogelsberger Griebentheater © Baufirma Meissel und Co.

Zwischen 1967 und 1975 hat sich die Baufirma Meissel & Co. eine Basis erarbeitet, von der die Gruppe später zehren kann. Ihre Arbeitsprinzipien und Methoden werden bis hin zur Dokumentation der Produktionen von Ablegern in die nächste Generation weitergetragen. Zuerst entsteht in Schwalbach die erste Jugendgruppe 'Theaterwerkstatt' mit vier bzw. fünf Inszenierungen, ab 1984 entwickelt sich in Brachttal das 'Vogelsberger Griebentheater' als viel größeres Projekt. Diethard Wies findet sich in einer neuer Rolle als Prinzipal (Obba) wieder, ein Musikerkollege und teils auch seine Frau begleiten ihn. "Das Griebentheater ist im Grunde genommen eine Fortsetzung der alten Mittel und der alten Methoden zu schreiben und zu spielen in einer anderen Zeit. Sie haben das anders übertragen, die Jugendlichen haben noch ähnlich gearbeitet. Es ist nicht mehr das Gleiche gewesen. Die Aussagen waren natürlich andere. Sie [die Jugendlichen] haben die Aussagen gemacht, die sie machen wollten. […] So wie wir's früher auch gemacht haben."
Die Gruppendynamik unter den Jugendlichen im Griebentheater folgt ähnlichen Regeln. Es entwickelt sich ein Kern, der – mit Unterbrechungen in der Präsenz – über viele Jahre zusammenbleibt. Der Einstieg ist individuell und führt wie bei der jungen Frau, die wegen des schönen Kleides der Ophelia zu spielen beginnt, weiter in einen Theaterberuf.  Auch der eigene Sohn ist mit sechs Jahren das erste Mal dabei und gewinnt Gefallen an der fahrenden Gesellschaft. Ebenso wie die Komödianten interessieren ihn die Pferde, die immer mitspielen und ihn später auch im Beruf nicht mehr loslassen. "Morgens um sechs erstmal raus, Pferde von der Koppel holen, den Elektrozaun abbauen, Frühstück einkaufen organisieren, nochmal kurz proben, Wagen einladen, zum nächsten Ort fahren, wieder spielen. Das war eins der Prinzipien unserer Arbeit. Und das fügt natürlich zusammen."
Für die Baufirma Meissel & Co. selbst geht nach der Jahrtausendwende auch die Phase der Absprachen und nebenberuflicher künstlerischer Aktivität zu Ende. Nachdem sie ihre Haltung an eine neue Generation weitergegeben hat, löst sie sich aus Alters- und Gesundheitsgründen auf. (jk)

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