Baufirma Meissel & Co.

Baufirma Meissel & Co. – Gespräch und Dokumente

Performance / internationales Festival für politisches Theater in Turku, Finnland © Baufirma Meissel und Co.

Die Koffer sind gepackt. Das Haus in Bad Soden-Salmünster ist schon auf den Umzug vorbereitet. Jetzt sollen noch die Dokumente übergeben werden, die künftig in der Sammlung des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland in Frankfurt am Main aufgehoben werden. Und es ist auch noch Zeit, einen halben Tag lang mit Diethard Wies über die Geschichte der Baufirma Meissel & Co. zu sprechen.
Das Gespräch wird über künstlerische und strukturelle Aspekte dieser freien Theatergruppe Auskunft geben. Die  drei Jahrzehnte umspannende produktive Zeit dieses Theaters fordert anhand der biographischen Phasen und der sich wandelnden ästhetischen Schwerpunkte über eine Gliederung mithilfe der vorliegenden Publikationen zur Bildung von historischen Perioden heraus. So werden Fragen der gemeinsamen Produktionsweisen ausgehend von der Biografie des Prinzipals zunächst bis zu den Anfängen der Baufirma betrachtet. Anschließend wird der Blick ausgeweitet auf die anderen Beteiligten der Gruppe mit Freundschaften und familiären Bindungen. Auch wenn die Inszenierungen des Theaters nicht im Vordergrund der Betrachtung stehen, wird die Vielfalt von Formen und Ansätzen in den verschiedenen Phasen der künstlerischen Praxis thematisiert. Die Frage nach Strukturen bezieht sich nicht allein auf die kulturpolitischen Rahmenbedingungen, sondern auch auf die strukturelle Anbindung der Gruppe und die Verbindung der Gruppe zu anderen Ensembles sowie anderen künstlerischen Ausdrucksformen dieser Zeit.
Immer wieder zurückgeführt auf den vorbereiteten Leitfaden folgt das Gespräch keinem linearen Verlauf, sondern springt von einer Assoziation zur nächsten. Die Aufzeichnung des Gespräches wird zum Hintergrundmaterial für die vorliegende Textfassung. Für die schriftliche Fassung dieses lebendigen Gespräches sind die Themen im Text behutsam zusammengebunden worden. Zur besseren Lesbarkeit sind auch wörtliche Zitate der Schriftsprache angepasst worden. Die nicht zitierten Passagen sind Beiträge beider Gesprächspartner. Allerdings bleiben lose Fäden, die bei der Begegnung nicht weiter verfolgt worden sind, auch stehen. Deshalb zielt der Text auch nicht auf eine abschließende Einordnung in die Kulturgeschichte, sondern bietet eine Annäherung an interessante Fragen als Anregung zur weiteren Beschäftigung mit der Theaterarbeit der Baufirma Meissel & Co.

"Die Aufzeichnungen der Baufirma-Produktionen sind niemals das ganze Stück und niemals in der Originalbesetzung." Trotz der durch modulare Produktion und wechselnde Besetzung bedingten Momentaufnahmen zeigen die medialen Dokumente signifikante Aspekte der Theaterarbeit der Baufirma Meissel & Co. Sogar die ohne Ton überlieferten Reste von Super8-Aufnahmen vermitteln eine bestimmte Atmosphäre. Daneben gibt es Rundfunkaufzeichnungen zum Einsatz von Bänkeltafeln. So wird beispielsweise die Geschichte eines Aufstandes aus der napoleonischen Zeit veranschaulicht; die 'Knüppelrussen' waren arme Leute, die später mit den Russen gegen Napoleon gekämpft haben. Weil lange niemand Interesse an den 'Proleten' hatte, ist eine Auftragsarbeit für Jugendliche entstanden.
Zahlreicher sind die Aufzeichnungen zum Vogelsberger Griebentheater. Sie umfassen teils vollständige Produktionen, teils Mitschnitte vom Hessischen Rundfunk oder eigene Mitschnitte. Es sind fast alle Produktionen vertreten – nur eine fehlt. Unter freiem Himmel werden bei Regenwetter nur Ausschnitte der geplanten Aufführung gezeigt. Viele Highlights des Griebentheaters und der Baufirma Meissel & Co. sind zur Verleihung des Kulturpreises des Main-Kinzig-Kreises zu sehen. Zur 700-Jahr-Feier von Udenheim werden in beispielhafter Atmosphäre der ursprünglichen Aufführungen Ausschnitte aus den Produktionen der Baufirma Meissel & Co. und des Vogelsberger Griebentheaters im Hof der Gastwirtschaft gezeigt.

Das Archiv zum Vogelsberger Griebentheater ist der Zentralstelle für Regionalgeschichte des Main-Kinzig-Kreises in Gelnhausen übergeben worden. Ohne die Sperrfristen der öffentlichen Archive ist dies ein guter Fundus nicht nur für am Theater Interessierte, sondern auch für die Archivpädagogik. Das Archiv der Theatergruppe Baufirma Meissel & Co. ist zu großen Teilen dem Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland anvertraut worden. Die ASSITEJ Bundesrepublik Deutschland ist der Rechtsträger des Zentrums. Die Baufirma Meissel & Co. ist wiederum von 1980 bis 2002 Mitglied dieses Theaterverbandes gewesen. Die Abgaben umfassen Programmzettel und Plakate des Theaters, eigene Szenenfotos und Videomitschnitte der Inszenierungen, Requisiten und weiteres Material rund um die Theaterproduktion, Kritiken und Medienberichte zu den Auftritten, Publikationen aus dem Ensemble und Literatur über die Theatergruppe. Vom Vogelsberger Griebentheater sind in Frankfurt am Main die DVD-Kopien der Videoaufzeichnungen greifbar. Und einiges hat Diethard Wies noch in seinem Besitz. Nach einer Vorlage von Hans Traxler ist als Bänkeltafel 'Die Baggerhexe' entstanden. Hierzu gibt es ein Theater-Buch als Spurensicherung mit allen Unterlagen zur Produktion, Fotos und Pressereaktionen. (jk)

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