Baufirma Meissel & Co.

Theater und Gesellschaft – Kindertheater

Diethard Wies (Dave) mit der Handpuppe Kokolores © Baufirma Meissel und Co.
Pfingstbrunnen-Straßenfest / Schwalbach © Baufirma Meissel und Co.
Die Geiß und die sieben Wölflein © Baufirma Meissel und Co.
Knusper, knusper, kneischen. Bakkerhexe, Hänsel & Gretel / Puppentheaterfestival 1997 © Baufirma Meissel und Co.
Kokolores' letzter Auftritt / Gelnhausen 2011 © Baufirma Meissel und Co.

"Wir haben diesen Wandel im Kindertheater erlebt. Hier unser Koko[lores]. Das ist 'ne Antithese, ein richtig antiautoritärer kleiner Sack. Und das ist der ganze Spass, dass er mein Kontra ist, mir immer widerspricht. Und das haben die Kinder früher genossen. Der Erwachsene kriegt eins ab. Da war'n die wie er. Und die haben sich befreit gefühlt. Der hat in der Schule auch falsch geschrieben. Vau A El Ce Ha. Der war das, der durfte das. Was wir auch gerne möchten. Und das war Mutmachen. Und dann gab es eine Phase, wo ich mit ihm gespielt hab', und die Kinder haben gesagt, Halt's Maul! Was war denn das? Hau'm eine in die Fresse! Wieso soll man die Puppe schlagen? Wo sind wir denn hier hingekommen, auf einmal? Also nicht ich soll eins drauf kriegen, sondern er! Und dann kam die Phase, wo die Kinder überhaupt kein Interesse mehr an ihm hatten. Die wollten ihn wegswitchen und was anderes machen. Es ist kein Witz. Wir haben es wirklich erlebt. Jetzt müßte was anderes kommen. Warum spielt ihr denn so lange? Fünf Minuten, das ist doch nicht lang. Warum? Früher haben die Kinder zwanzig Minuten beim Koko mitgemacht. Mitmachen war jetzt nicht mehr drin. Und heute, da mache ich Wortspielchen mit ihm. Da kann ich meine Ideen noch reinstecken, aber das sind eigentlich Wortspielchen, Clownereien. Er ist voll auf der Comedy-Ebene gelandet, weil die Kinder das Andere gar nicht mehr ertragen können. Sie können sich nicht vorstellen, dass er ihnen was zu sagen hat in irgendner Form. Zu sagen heißt nicht autoritär von oben, sondern dass er auch irgendwie bei ihnen mitmischt. Und das Mitmachen, mit ihm zusammen Spielen gibt's überhaupt nicht mehr. Und er kommt als Puppe, als konzipierte Puppe, als Gegenthese zu mir bloß noch beim Kneipentheater so an." Die Begeisterung über die ursprüngliche Form der Puppe stellt sich nur noch bei gleichaltrigen Erwachsenen ein – als nostalgischer Rückblick auf die vergangene Jugend wie beim Auftritt zur Verabschiedung der Kulturamtsleiterin des Main-Kinzig-Kreises.
"Diese Figur hat sich immer wieder anders entwickelt und hat andere Aufgaben gehabt. Zeitweise war es auch so, dass er dann meine Rolle ganz übernommen hat. Dann haben wir ihn aber abgelöst mit 'ner kleinen Ratte. Das war die Punkzeit, der hatte 'ne Sicherheitsnadel, der rutschte mein Bein dauernd runter und sagte, Das geht mir am Arsch vorbei. Der kam an – bis ich aus dem Konzept der Steinauer Puppenspieltage nach acht Jahren rausgeflogen bin, weil diese Figur das gesagt hat. Und diese Ratte hat auch gesagt, dass die Brüder Grimm Kammerherren sind: Immer wenn die'n Märchen in die Hand kriegen, haben die gesagt, kammer'n Märchen d'raus machen, kammer gut verkaufen, kammer Geld mit verdienen, kammer'n Tourismuszentrum d'raus machen, kammer 'ne Vereinigung d'raus machen, kammer 'n großes deutsches Lexikon d'raus schreiben – kammer berühmt werden mit. Kammerherrn. Das fanden die so schlimm. Eine Ratte sagt doch so was. Wie reden Ratten? Im Jahre 1998 reden Ratten so. Da gibt's gar keinen Zweifel. Die Kinder haben das voll verstanden. Und Lehrer und Eltern, die Kinder kennen, haben das auch voll verstanden. Aber der Veranstalter nicht. Damit war'n wir wieder mal da, wo wir herkamen. Und wir sind auch prompt aus dem Konzept geflogen."
An diesem Punkt der Entwicklung der Figur ist nicht wie bisher eine Diskrepanz zwischen Figur und Publikum, sondern zwischen Theater und Veranstalter aufgebrochen. "Das Publikum war voll auf unserer Seite." Als die Nachfrage des Publikums nicht nachlässt, fragt der neue Bürgermeister die Ratte wieder an. Doch Hans Ratz lehnt weitere Auftritte ab. Die Baufirma Meissel & Co. kann sich ihre Veranstalter immer aussuchen. Einmal lehnt sie einen Vertrag ab, in dem es heißt: "Die Gruppe macht keine Aussage gegen die CDU/CSU." (jk)

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