Baufirma Meissel & Co.

Theater und Kunst – Publikum: Für alle!

Die Geiß und die sieben Wölflein © Baufirma Meissel und Co.

Das weit gefächerte Programm der Baufirma Meissel & Co. umfasst das Spiel vor allen Altersgruppen, vor einem gemischten Publikum, für Passanten auf der Straße und für organisiertes Publikum wie Senioren und Kinder. "Ich glaube wir sind die einzige Gruppe, die kompetent Straßentheater für Kinder gemacht hat." Den Anstoß gibt ein Straßenauftritt der Baufirma Meissel & Co. zur Friedensbewegung. Die Kinder werden von den Trommeln, der bunten Bühne, den Kostümen und Puppen angezogen. Spontan wird mit der Handpuppe Koko improvisiert. Nach einer Viertelstunde beginnt das Spiel für die Erwachsenen, die wegen ihrer Kinder hinzugekommen sind. Gespielt wird eine antiautoritäre Geschichte 'Die Geiß und den sieben Wölflein' nach einer Vorlage aus dem Märchen-Verwirrbuch von Iring Fetscher. Für Kinder ist eine Vorgeschichte, wie die Ausgangssituation des Märchens vom Wolf und den sieben Geisslein entstanden ist, mit Figuren, Kurbelfilm und der Klappmaulpuppe Koko als Erzählerfigur hinzugekommen. Damit wird auf der Basis der modernen Fassung eine aktuelle Interpretation des ursprünglichen Märchens erzählt. "Das ist Politik für Kinder."

Katz und Maus / Straßenfest, Schwalbach/Taunus © Baufirma Meissel und Co.

"Wir sind dazu gekommen, ohne es zu wollen. Einfach weil wir gesagt haben, wir wollen für unser Publikum spielen. Und wenn unser Publikum anders aussieht, müssen wir uns was einfallen lassen. Das hat sich nachher verselbstständigt." Gespielt wird in Kindergärten, mehr in Sonderschulen als in regulären Schulen ("Ganz toll!") und der schönste Auftritt ist eine Benefiz-Aktion für die 'Frühchenstation' in Gießen mit ehemals frühgeborenen Kindern. Die Theaterproduktionen für Kinder werden aus dem Interesse der Kinder heraus entwickelt und haben immer Mitspielelemente bis hin zur Reduktion auf die pure Erzählung mit dem eigenen Spiel der Kinder als Kern des Auftritts. Die Aufführungen sind eher gemeinsame Performance als Vorführ- bzw. Guckkastentheater. Sie sind keine Schule des Sehens für künftige Theaterbesuche, bei denen das ungestörte Spiel des Spielers im Mittelpunkt steht. In Schwalbach ist die Baufirma Meissel & Co. an der Entwicklung eines historischen Marktes beteiligt und tritt dort in der Folge sechzehn oder siebzehn Jahre lang immer wieder auf. In den späteren Jahren haben sie Erwachsene mit ihren Kindern im Publikum, die  das Theater selbst schon als Kinder gesehen hatten. Die erlebten Auftritte werden in den Erzählungen der Erwachsenen weitergegeben und erzeugen eine Nachfrage nach den selbst gesehenen Inszenierungen. Doch auch die bekannten Produktionen wandeln sich im Laufe der Zeit. "Es ist das gleiche Lebensmittel, aber du mußt es neu anrichten. Der Geschmack ändert sich." Ebenso wird eine Inszenierung durch Auswahl aus vorhandenen Szenen aus dem Fundus der jeweiligen Zielgruppe angepasst. Dann gibt es vielleicht von den zwanzig Szenen, die zu dem Thema passen, zehn oder zwölf Szenen, die sich für diesen Auftritt eignen. Vor und auch noch während des Auftritts werden Szenen gestrichen oder ergänzt.

Das Märchen vom kleinen Herrn Moritz / Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.

Die Baufirma Meissel & Co. spielt mit demselben ernsthaften Anspruch für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene. "Die Erfahrung sagt aber, dass es leichter ist für Erwachsene zu spielen als für Kinder. Weil Kinder ganz anders über die Emotion 'rangehen und sich auf Dinge einlassen. Du kannst da ganz schnell Fehler machen. Du willst ja etwas erreichen, du willst ja Inhalte vermitteln. Und wenn das nicht gut durchdacht ist und nicht gut rübergebracht ist, dann machst du Fehler, dann machst du was falsch." Schon bei den Gaukeleien werden Kinderauftritte mit eingeplant. "Wenn ein Kind aus dem Publikum mitspielen will, dann kannst du nicht sagen, du hast Pech gehabt. [Beispielsweise wird spontan die Szene mit dem Tanz auf dem Seil eingefügt.] Das musst du haben, das musst du mitnehmen. Du hast den ganzen Wagen voll Zeug, was du gar nicht brauchst, weil sowas passieren kann. Du kannst die ganze Aufführung schmeißen, weil du diesem Kind gesagt hast, das geht nicht. – Vor allem wenn noch 'ne Mutter dabei ist, die sich aufregt, dann ist es ganz aus. Dann brauchst du gar nicht mehr auftreten."

Königsgeschichte / Hessen © Baufirma Meissel & Co.

Zum erfolgreichen Zielgruppentheater gehört nicht nur die genaue Kenntnis des jeweiligen Publikums, sondern auch das möglichst vielfältige Studium theatraler Aktionen. So hat die Beobachtung eines ausgefeilten rhetorischen Diskurses in der 'Speaker's Corner' im Londoner Hyde Park zu einer Adaption mit der Klappmaulpuppe Koko geführt. Aus der Ausgangsfrage "Was machst Du da oben?" entwickeln sich für Kinder oder Erwachsene jeweils passende Dialoge. Damit wird auch die Rolle der im Kindertheater eingesetzten Figur für ein erwachsenes Publikum ausgeweitet. Für Kinder wie Erwachsene wird die Figur zum Medium für Diskurse, die sonst nicht zustande gekommen wären. Und besonders interessant wird es, wenn das heterogene Publikum eine eigene Dynamik entwickelt. "Wir haben für die Friedensbewegung gespielt auf so einem Markt, aber das waren die Leute, die wir da getroffen haben. Das waren die Alternativen, die wollten zu dem Thema was hören, die wollten bestätigt werden. Und die anderen Bürger, die dabei waren, haben wir so schön reingezogen. Das Publikum war auf unsrer Seite, da gehen die automatisch mit. Das ist, sagen wir's mal so, Agitation vom Feinsten, wenn sie gar nicht merken, dass es eine Agitation war – mit großen Puppen."
Nach einem Auftritt sitzt der kleine Sohn, der immer mitspielen will, erledigt auf der Bühne. Um sich zu beschäftigen, setzt er eine elektrische Leierkasten-Imitation in Gang. Und der noch daneben liegende Hut füllt sich alsbald mit Scheinen. Doch die mitleidigen Kommentare über die Kinderarbeit der fahrenden Künstler bleiben nicht aus. "Es kommt gar nicht darauf an, was du spielst, sondern wie du spielst und vor wem du spielst, wer da langläuft." (jk)

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