Baufirma Meissel & Co.

Einführung - Familie, Schule, Kirche

Valentin-Variationen / Straßenaktion © Baufirma Meissel und Co.

Diethard Wies ist ein Nachkriegskind. 1947 geboren wächst er auf in einem Dorf, ohne Wirtschaftswunder, in einer Landwirtschaft, lernt seit 1953 in einer kleinen Reformschule mit drei Klassen. Der Vater, ein Offizier, wird im Krieg verletzt, ist später Lehrer. Die Mutter flieht als Achtzehnjährige aus der Nähe von Prag mit einer fast gelähmten Mutter zu Fuß zwischen der russischen Front und den tschechischen Partisanen bis nach Kassel. Die Mutter stammt aus einer ursprünglich konservativen Familie und wächst durch den pubertierenden Sohn in eine liberal-demokratische Umgebung hinein. Den Wechsel vom Land in die Stadt mit zehn Jahren erlebt Diethard Wies als wichtigen Bruch. Er erkundet Frankfurt mit der Tram, geht auf die weiterführende Schule und wechselt nach der zehnten Klasse von der Helmholtzschule auf die Anna Schmidt Schule.
Schon als Kind hat er Kaspertheater gespielt, die fahrenden Leute mit Trommel und Trompete erlebt. Und er hat mit den Puppen des Vaters gespielt, die der für die Schule gebaut hatte. Der Vater hat als soziales Dorfprojekt für die durch gegenseitige Verdächtigungen zersplitterte Nachkriegsgesellschaft Freilichtaufführungen ins Leben gerufen. Der Sohn hat nur die Schüleraufführungen gesehen und später eigene Stücke gespielt. In Frankfurt, in der großen Schule hat es ihn wieder zum Theater gezogen: Struwwelpeter, Requisiten und Handpuppen, Schulkabarett in der Mittelstufe, Nachspiel von historischen Kabarettaufnahmen der Vorkriegszeit, Auswendiglernen und Erfolg bei bunten Abenden. Nach dem Schulwechsel hat er zunächst einen schweren Stand unter gleichaltrigen Mädchen. Doch die gemeinsame Spielerfahrung im chorisches Frauenspiel 'Die Frauen von Kalatas' von Walther Eckart, einer moderne Tragödie um die Massaker an mutmaßlichen Partisanen während des zweiten Weltkrieges in Griechenland, kann das Blatt wenden. Eine Hamlet-Inszenierung  mit der späteren Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen, tat ihr übriges. Ein komödiantischer Kommentar zu Macht und Kritik mit Hamlet als Frau und Diethard Wies als Polonius ebnete den Weg in die Opposition.
Obwohl er mit dem Abitur im Jahr 1967 die Wende zur Politisierung verbindet, kann er mit dem Begriff 'Alt-68er' nichts anfangen. Diethard Wies war nie Kommunist, hat viel darüber gelesen und hält viele Aspekte der linken Bewegung nach wie vor für richtig. "Es war eine Pro-Demokratie-Bewegung. Meine Richtung war immer die anti-autoritäre Erziehung. Ich habe mich immer gegen autoritäre Personen und Strukturen, egal wo sie herkamen, gewehrt." Stalin ist genauso gefährlich wie Hitler, schon ein Toter ist zuviel. Baufirma Meissel & Co. hat sich für Amnestie International engagiert, aber nie für politische Parteien und nur in bewußter Auswahl für politische Gruppierungen.

Gruppe 'The Wall' / Petersfield, Great Britain, 1966 © Charles White (Midhurst)

"Wir sind langsam reingewachsen in dieses Anti, in das Politische, in [die Vorstellung], Sozialismus ist es ja eigentlich, was wir machen. Wir können ja nur gegen die Nazis [auftreten], die ja überall noch gesessen haben, in den Schulen, überall, man kann es sich heute gar nicht mehr vorstellen, was da abgelaufen ist, wie wir behandelt worden sind. Wir haben die Hacken zusammengeknallt, wenn wir vorn beim Lehrer waren."
Später hat er liberalere Verhältnisse an der Privatschule erlebt, 1966 verstärkt durch einige Wochen Schulaufenthalt in einer demokratisch verfassten private school in England. Hier trifft Diethard Wies Künstler aus dem Kreis der Privatschulen, die zeitkritische Produktion 'The Wall' entsteht, und Freundschaften verbinden ihn mit den anderen bis heute. Er lernt neue Stilrichtungen des Theaters kennen – und auch einen aufmerksamen Blick auf das Publikum: "Holt die Leute da ab, wo sie sind." In der Kooperation mit professionellen Künstlern gelingt der Schule ein lang nachwirkender Motivationsschub. Aus diesen Erfahrungen und mit Referenzen an Karl Valentin hat Baufirma Meissel & Co. Straßentheaterszenen entwickelt. Eine eigene Fassung von 'The Wall' ist nicht nur in Deutschland, sondern anschließend in englischer Sprache in England gezeigt worden. Mit der Geschichte zu den Hausbesetzungen, im Kontakt mit dem Bread-and-Puppet-Theater und der Integration des Kurbelfilms hat sich der Schwerpunkt der Theaterarbeit der Baufirma Meissel & Co. auf die Straße verlagert.
Nach dem Abitur ist die Bundeswehr nur ein kurzes Zwischenspiel. Der Kriegsdienstverweigerung folgen die üblichen Schikanen und die Verhandlung. Schließlich wird Diethard Wies zu seiner eigenen Verwunderung 'ehrenhaft' aus dem Dienst entlassen. Einige Monate später werden ihm von seiner Mutter zum zwanzigsten Geburtstag zusammen mit rotem Stoff Hammer und Sichel im Gedenken an die russische Revolution von 1917 als ironischer Kommentar zu seinen Provokationen überreicht.

Jesus in der BRD / Art Meeting, Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.

Schon in der Schulzeit hat Diethard Wies sich in der kirchlichen Jugendarbeit weiterentwickelt, am Diskurs über Politik teilgenommen und Interesse für die Entstehung des Blues aus dem Gospelgesang gezeigt. Im September 1967 formiert sich die Baufirma Meissel & Co. zunächst als Jugendamateurtheatergruppe der Heilandsgemeinde in Frankfurt am Main. Mit von der Partie sind zwei Mitstreiter vom alten Schulkabarett und der Beleuchter vom Hamlet, nicht zufällig sein Bruder Ulf. Die Collage von selbst übersetzten Hemingway-Passagen und anderen Texten 'Der Mann war gut' gilt theatralen Ambitionen; politisches Kabarett kam erst später (wieder) dazu. Auch viele andere Engagierte wie beispielsweise Rudi Dutschke haben ihre Wurzeln in der evangelischen Jugendarbeit. Und wie andere auch hat sich die Baufirma Meissel & Co. von der Kirche gelöst, hat aber gleichzeitig in der Zusammenarbeit mit Fritz Rohrer (Beratungsstelle für die Gestaltung von Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen) und Auftritten bei kirchlichen Initiativen wie Dritte-Welt-Aktionen viel in die Kirche zurückgetragen. Die Kirchengemeinden sind offen für Veränderungen. Die Baufirma Meissel & Co. erhält eine Einladung zur Veranstaltung eines Gottesdienstes in 'modernerer Form'. Drastische Szenen und für ein traditionelles Ohr gewagte Thesen wie 'Gott wurde von Menschen geschaffen' werden in den Kirchen verhandelt.

Kinder sind kein Eigentum / Altena im Sauerland © Baufirma Meissel und Co.

Ostern 1968 findet in einer Jugendherberge in der Rhön eine Probenfreizeit statt. Auf der Rückfahrt beginnt mit einer spontanen Aktion in Fulda das Strassentheater. Die Theatergruppe wendet sich vom vorsichtig Politischen zur "knallharten Aussage" und produziert als Baufirma Meissel & Co. 'Kinder sind kein Eigentum'. Seit dem Sommersemester 1968 studiert Diethard Wies Anglistik und hört in die Theaterwissenschaften rein. Weil Kunst als eigentlicher Studienwunsch von der Schule hintertrieben worden war, hat er das Studium, seine Wohnung und das Auto mit Jobs in der Werbebranche finanziert. Und er hat das Wissen aus der Werbung in seine Theaterpraxis einfließen lassen. Diethard Wies studiert zwar noch zwei Semester Theologie, tritt aber später aus der Kirche aus. Mit fünf anderen steigt er aus der ursprünglichen Theatergruppe aus. Während sich die Amateurtheatergruppe auflöst, setzt die Splittergruppe die Theaterarbeit als Baufirma Meissel & Co. im eigenen Studio fort. Damit ging der Wandel von einer Leitungsgruppe aus drei bzw. vier Personen zur kollektiven Produktion einher.  (jk)

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