Baufirma Meissel & Co.

Einführung - Musik, Sprachbilder, Märchen

Vivat Latwerge / Szene Hexe von Elm, Schlüchtern 1995 © Baufirma Meissel & Co.

"Unser Rhythmus ist ein Zwischending aus dem Jazz und der schottischen Volksmusik wie bei Dudelsack-Märschen, fezzt aber sehr schön; die Jazzer sagen, wir haben einen guten Drive." Eine große schottische Basstrommel und eine umgehängte Tenortrommel sind nötig, zwei Mann schlagen den Rhythmus und den Grundton, auf den Fotografien sind sie überall präsent, auf den Videos gibt es nirgendwo eine Aufzeichnung.
Der Fernsehfilm 'Damit mer's net vergesse' des hessischen Rundfunks zeigt Diethard Wies als Moderator mit großer Trommel zur Geschichte eines Frankfurter Stadtteils, des fröhlichen Dorfes Bornheim. In einer Straßentheaterszene der Baufirma Meissel & Co. zum 'Königreich Bernem' hat auch der Kurbelfilm, eine bewegliche Bänkeltafel, seinen Platz. Dazu trägt Diethard Wies, diesmal mit kleiner, umgehängter Trommel, die 'Schlacht bei Bornheim' nach Motiven aus 'Die Schlacht bei Ringelberg' von Karl Valentin vor. Ob Musik oder Songs, Erzählung oder Handlung zum Einsatz kommen, "es geht immer um Bilder. Strassentheater geht immer um Bilder."
In den sechziger und siebziger Jahren ist die Beschäftigung mit Sprache sehr ausgeprägt. Aus Texten werden Sprachbilder entwickelt, die auf ihre Rezeption überprüft werden.
"Ei gude, wie geht’s?" – "Un?"
"Was ist das für ein Gespräch? Es geht ihnen beiden ganz gut, aber nicht so besonders."
oder intimer "Un, daheim?"
"Und auf sowas muss man eingehen, weil unser Publikum ist ja Hinz und Kunz, ganz bewußt. Und wir war'n auch Hinz und Kunz. Und dann klappt das auch."
Mit Sprache, Texten des Alltags oder auch Literatur ist allerdings nur ein Aspekt des Theaters der Baufirma Meissel & Co. markiert. "Das ist der Punkt, wo wir uns vom [herkömmlichen] Theater unterscheiden, wo wir eben nicht einen Text eventuell mit 'ner Regieanweisung nehmen und produzieren dann unsere Bilder auf der Bühne, sondern wir nehmen unsere Bilder von außen und eventuell ist ein Bild auch die Grundlage für einen Text." Das Theater der Baufirma Meissel & Co. ist kein Literaturtheater, sondern eine mehrdimensionale Kunstform, die durch einen offenen Blick auf aktuelle künstlerische Strömungen angeregt wurde.

Peter Schumann / Gespräch nach der Aufführung, Theater am Turm © Claus Biegert

Beispielsweise hat die Baufirma Meissel & Co. erste Bekanntschaft mit Kurbelfilmen beim Bread-and-Puppet-Theater gemacht. Peter Schumann erzählt die Weihnachtsgeschichte ohne Figur und ohne Puppe, nur mit dem Kurbelkasten (Stehkino)  – mit einem Strich, dem Weg von Maria und Joseph von Nazareth nach Bethlehem. Das Bread-and-Puppet-Theater ist auf ihrer Deutschlandtournee 1969 auch bei der Experimenta III im Theater am Turm (TAT) in Frankfurt am Main zu Gast.
"Da kam einer auf mich zu mit hohen Stiefeln, Zylinder auf, schwarze Weste, n'paar Tröten um den Hals hängend. Ich dachte, der könnte bei uns morgen anfangen, wenn er sich'n bischen besser rasieren würde. Wir hatten auch diese Bärte, aber nicht so wild. Und da war das Peter Schumann vom Bread-and-Puppet-Theater und sagte, 'Kennst du dich hier aus? So bei Theatergruppen?' Joo. 'Freie Gruppen?' Jaa. Um was geht’s denn? 'Ich such 'ne Mannschaft, die bei mir mitspielen und einsteigen kann.' Wann? Und dann habe ich mit drei Leuten Teile der Deutschlandtournee mitgemacht und die Aufführung in Frankfurt haben wir alle mitgemacht. Unsere ganze Gruppe hat da mitgespielt. Das war ein Grundkurs vom Feinsten. Innerhalb von einem Tag konnten wir die großen Stücke mitspielen. Wie das? Einfach die Dramaturgie verstanden, die Abläufe verstanden und dann einfach in der Gruppe mitgespielt. Es konnte ja keiner sehn wer du warst. Und dann, wenn 'n Fehler gemacht worden ist, immer mit dem Bewußtsein [spielen], die wissen ja gar nicht, was wir geprobt haben. Und sofort geht die Gruppe drauf ein und improvisiert weiter und sofort klappt das wieder."
Durch die Zusammenarbeit werden Theater und Spielweise, Trainingsmethoden und Formen des Maskenbaus des Bread-and-Puppet-Theaters vermittelt. Auch ein internationales Festival für politisches Theater in Turku regt den Austausch mit anderen Künstlern an. Denn das Festival ist der Ausgangspunkt für eine vom deutschen Auswärtigen Amt organisierte Tournee durch Finnland. Mit von der Partie sind der Liedermacher Ulrich Roski, der Nürnberger Pantomime Peter Müller, Schmalfilmer aus Frankfurt  und der Maskenbauer und -spieler Uwe Krieger von der Gruppe DAGOL. Der hatte in Amerika Erfahrungen mit dem Bread-and-Puppet-Theater gesammelt. Im Laufe der Zeit werden er und Diethard Wies beste Freunde und teilen die Liebe für den Einsatz großer Puppen; es entstehen gemeinsame Seminare und Publikationen und sie geben sich gegenseitige Impulse, gespeist durch eine verwandte radikale Theater- und Lebensauffassung.

Rotkäppchen / Wiesbaden © Baufirma Meissel und Co.
Rotkäppchen / Erwachsenenfassung © Baufirma Meissel und Co.
Rotkäppchen / Werkstatt mit Kindern bei der Wegscheide © Baufirma Meissel und Co.

Mit seinem Märchen-Verwirrbuch ist Iring Fetscher ein weiterer Anreger für die Baufirma Meissel & Co. Wie auch der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim mit seinem Werk 'Kinder brauchen Märchen' 1977 hat sich der Frankfurter Professor der Soziologie 1972 mit den Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm beschäftigt. Er fragt 'Wer hat Dornröschen wachgeküßt?' und offeriert zeitgemäße Interpretationen. Aus dem Sujet der Bremer Stadtmusikanten wird die Hausbesetzung durch ein Rentnerkollektiv. Die Baufirma Meissel & Co. spielt ihre Fassung vor den besetzten Häusern in Frankfurt am Main, zunächst als Kurbelfilm mit zwei Spielern, danach als Inszenierung – und der Nachschöpfer Iring Fetscher ist begeistert.
Als Variante für Kinder entstehen zum europäischen Tag für Jugendliche und Kinder  in Frankfurt am Main die 'Brüsseler Stadtmusikanten'. Die Tiere entfliehen den Bedrohungen in ihrem modernen Umfeld über's Siebengebirge nach Brüssel, gründen eine Wohngemeinschaft und finden gemeinsam Lösungen für ihre Probleme. "Wie soll man Jugendlichen und Kindern vor allen Dingen Europa klar machen. Geht eigentlich gar nicht – wenn da nicht neue Bilder sind." Die werden durch die Verfremdung des Märchens angeboten. Wie Katze, Hund, Hahn und Esel können auch die europäischen Länder ihre Fragen am besten gemeinsam angehen.
"Ziel ist immer, gemeinsam leben, gemeinsam wohnen, das Haus besetzen. Und die rausschmeissen, die drin waren. Denn im Haus drin sind die Gespenster, diese Geister, vor denen alle Angst haben. […] Gemeinsam durch den Krach, durch die Geräusche, die die Kinder mitmachen natürlich, diese Gruppe schreit mit dem Esel, diese mit der Katze. Ich will den Hund. Da geh' mal rüber und mach' den Hund mit. Dann brüllen wir wirklich, unsere Trommeln kommen dazu und dann scheppert das Dorf oder das Städtchen, wo wir spielen, da wackeln die Scheiben, und dann hau'n die ab. Und dann sind wir da angekommen, wo wir hinkommen sollen. Es ist auch das Erlebnis […] wir haben das gemeinsam hingekriegt."
"Während im Stück für Erwachsene ist es dann wirklich belehrend. Da haben wir gesagt, das war'n gute Genossen, war Karl Marx und Zeigefinger zu sehen, das können wir heute nicht mehr spielen, aber damals konnten wir das spielen. Da hat das jeder verstanden."
Sein Lieblingsmärchen ist Rotkäppchen als Lügenmärchen, gemeinsam für Kinder und Erwachsene. Rotkäppchen wird von einem Kind, gern einem Jungen dargestellt. Im Brecht'schen Sinn wird Theater gezeigt. Auf offener Bühne wird dem Spieler des Wolfs der Kopf aufgesetzt. Nur den Kindern – die Erwachsenen sollen wegschauen – wird erklärt, welche sonst ganz freundliche Person jeweils den Bösewicht gibt. Mit dieser Spielweise wird der Angst begegnet, die bei Kindern sonst das Erleben der Geschichte überdeckt.
Auch bei den Aufführungen in der Kneipe werden statt Kuchen und Wein ökologisch korrekt Traubensaft und Whole Wheat Rusk für die Großmutter im Altersheim gereicht. Und die Kaspertheaterbühne kommt zum Einsatz. Rotkäppchen schlägt den Wolf auf den Kopf, der Pappkopf fliegt davon, der Wolf ist tot. Warum? Das Mädchen ist nicht so blöd, dass es die Großmutter mit dem Wolf verwechselt. Wie auch in anderen Produktionen werden die tradierten Rollenmodelle aufgeweicht: "unser schönstes Emanzipationsmärchen". Während aus der mündlichen Überlieferung in der Fassung der Brüder Grimm das Mädchen Hilfsfiguren wie den als Metzger agierenden Jäger braucht, wird Rotkäppchen bei der Baufirma Meissel & Co. zur selbstbewußten Hauptfigur. (jk)

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