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Theater und Schule – Standards

Das blaue Huhn / Variante mit Schulkindern, Kerbersdorf © Ute Schmidt

Diethard Wies wird einerseits in Kindheit und Jugend vom Puppentheater bis zur familiären Konstellation, andererseits durch das in den sechziger Jahren erwachende Bewußtsein für politische Umbrüche angeregt. Seine Theaterdisposition hat sich auch auf das weitere  Berufsleben ausgewirkt: "Ich wäre ohne mein Theater niemals in die Grundschule gegangen. Und ich bin auch ganz bewußt in die Grundschule gegangen, weil da Vieles von dem, was ich so im Kopf hab', zu verwirklichen ist. Und ich hab' auch mein Examen gemacht über's Theater. Ich hab' nur ein einziges Semester Erziehungswissenschaft studiert und dann schon die Prüfung gemacht. Die restlichen Scheine habe ich mit Referaten und mit Aufführungen geholt. Die Karl-Valentin-Premiere ist mein Deutsch-Schein gewesen." In Anglistik wird Hamlet thematisiert und bei dem Soziologen Ernest Jouhy leitet er wieder ganz praktisch eine Arbeitsgruppe zum Verhältnis von Theater und Soziologie. Diethard Wies ergreift den Lehrerberuf, die Ehe wächst  zu einer Familie mit zwei Kindern und der Gedanke an eine Dissertation über seine Theaterarbeit muss aufgegeben werden.
Stattdessen schreibt  Diethard Wies fünf Jahre lang, abgeordnet vom Schulamt, für das Kultusministerium die neuen hessischen Bildungsstandards für den Kunstunterricht – zusammen mit zwei jungen Kolleginnen. Auch auf diesem Feld gibt er sein Wissen weiter. Das Konzept wird von seinem ersten Referendar, der inzwischen selbst in der Ausbildung für die Grundschule tätig ist, gegengelesen. Das Resultat ist einmalig in der Bundesrepublik: Theaterspielen ist zusammen mit dem plastischen Gestalten obligatorischer Teil des Kunstunterrichts. "Wenn das Theater [wie bisher] nur bei dem Fach Deutsch liegt und ein Aspekt ist wie Gedichte auswendiglernen, Theaterspielen oder Diktat schreiben, dann ist das Theater unterbewertet. Es gehört unter ein anderes Stichwort, eher zu Kunst." Die Basis für diese Richtlinien bildet die eigene langjährige Theaterpraxis. Vom Spiel zur Szene, von der Szene zum Stück: Diethard Wies hat die Aspekte des eigenen Theateransatzes in dieses Curriculum eingebracht.
Er beschreibt dies am Beispiel der surrealistischen Bilder von Joan Miró. Der spanische Maler nimmt einen nützlichen Gegenstand wie ein Essbesteck und entwickelt aus den realen Grundformen phantastische, verspielte Figuren. Um Verständnis für die künstlerischen Prinzipien zu entwickeln, werden die Kinder zur eigenen Praxis angeregt. "Du kannst den Miró aber nicht verstehen, wenn du damit nicht spielerisch umgehen kannst. […] Fang' damit an zu spielen, mach' dein Theater daraus. Und dann fängst du an, es zu begreifen. Dann geht's erst richtig los. Nichts anderes machen wir mit unseren Bildern. Wir formen mit 'nem Gegensatz die These zur Anti-These und machen eine Synthese d'raus, die wir dem Publikum präsentieren in der Hoffnung, dass es auch wieder eine Synthese machen kann aus dem, was es weiß und dem, was wir ihm zeigen. Das kann ein Kind phantastisch. Ein Kind lernt ja so."
Die Standards bestehen den Praxistest und setzen sich ohne Änderungen bei Kindern, Eltern und Kollegen durch. Wie in Hessen gibt es ähnliche Ansätze auch in englischen oder niederländischen Lehrplänen. Die Standards werden als eine von vielen Initiativen gesehen, welche diese Ideen zu einem positiven Trend geformt  haben. Seit dem Import des niederländischen Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland durch das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland bzw. die ASSITEJ Bundesrepublik Deutschland gibt es auch Querverbindungen zum professionellen Theater für Kinder und Jugendliche. Doch weniger die am allgemeinen Theater ausgerichtete Produktionsweise, mehr das theatrale Ergebnis insbesondere von niederländischen Inszenierungen löst Bewunderung aus. (jk)

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