Baufirma Meissel & Co.

Künstlerische Prozesse - Sensitivity Training

Johannes Projekt / Kunstprojekt auf der Münsinger Alp © Claus Biegert

"Wir haben vom Living Theatre und vom Bread-and-Puppet-Theater gelernt, was Sensitivity Training ist. Das weiß heute kein Mensch mehr, weil sie's alle machen." Es ist anders als die körperlichen Übungen in der Schauspielausbildung. "Die Schauspieler des (politischen) Living Theatres tanzten mehr oder weniger nackt ganz große abendfüllende Sachen zusammen. Das war anti, das war kontra, das war gegen jedes Ballett, gegen jedes Theater. Das hatte was zu tun mit Kommune, hatte was zu tun mit anderen zwischenmenschlichen Beziehungen und das ist so ein Mischmasch aus Psychologie und Anfassen. Die Extreme hat man nachher etwa in Poona gesehen. Das waren die Aufbrüche und wir haben uns das rausgeholt, was wir uns getraut haben, was wir uns gewagt haben. Das ging so weit, dass wir aus manchen Übungen ganze Szenen entwickelt haben. Zum Beispiel 'Rattata' heißt eine Szene, die taucht bei uns immer wieder auf. Da haben wir einfach mal 'ne Maschine gespielt. Und wie das beim Sensitivity-Training ist, einer fängt mal an und macht rattatata. Und der nächste stellt sich daneben, macht ein anderes Geräusch und fügt sich mit einer anderen passenden Bewegung ein. Und auf einmal ist das eine riesengroße Maschine. Das ist eine Übung, macht Riesenspaß, 'n Höllenlärm und alle haben was zu tun. Aber du musst auf den anderen eingehen, den anderen hören. Der nächste macht was mit dir, dann stellste fest, hör mal, das geht ja gar nicht, was der da macht, ich muss vielleicht die Bewegung etwas ändern, damit wir da zusammen kommen. Wir üben das, was wir nachher im Theater wirklich machen können, machen müssen."
"Das heißt, wir können auf der Straße ohne Übung gar nicht auftreten." Störungen müssen gezielt aufgefangen werden – wenn ein Lastwagen durch eine emotionale Szene rauscht oder ein Fernsehteam aufdringlich wird. "Hej, im Märchenwald gibt's keine Kamera. – Aber ich sende für Millionen! – Wir spielen für fünfzehn Zuschauer, die uns sehen wollen – und Dich mit deiner Kamera nicht, tu' mir den Gefallen und verdrück' Dich. Beifall." Wenn diese Intervention nicht durch Improvisation geübt wird, macht die Störung die Szene kaputt; es entsteht eine komische Fernsehaufzeichnung und Veranstalter und Künstler sind sauer.

Plakat burn! burn! Studiobühne frankfurt © Baufirma Meissel und Co.

"'Burn burn' war ein Stück über Rassismus, Basis Martin Luther King, Freiheit für Angela Davis. Sie war eine Schlüsselfigur, Professorin für Politik, hat in Frankfurt studiert bei Marcuse und Co in der 'Frankfurter Schule', schwarz, Wissenschaftlerin, gut aussehend. Was passiert mit so einer Frau in Amerika? Sie wird gemobbt von den Republikanern, sie wird gemobbt von den Weißen, ihr wurden Sachen angehängt, sie haben sie verhaftet, haben sie ständig hinter Gittern gebracht, sie haben sie fertig gemacht. Sie haben alles versucht, was sie mit der machen konnten. Weil sie natürlich, das habe ich vergessen zu sagen, Sozialistin war. Das geht natürlich zu weit. Wissenschaftlerin, Frau, schwarz – und dann noch links. Das geht nicht. In Amerika nicht, heute auch nicht. […] Und das war so eine Aktion, Rettet Angela Davis, wir haben das Stück nachher umbauen können, wir haben das dann für Chile verwenden können, wir haben dabei die ganzen schwarzen Sachen rausgenommen und das Ganze etwas weißer [gemalt]."
"Wir haben überlegt, was ist das eigentlich, welche Funktion hat Angela Davis? Woher kennen wir das Bild? Und da kamen wir sehr schnell in der Asso-Kette auf Jesus. Das ist der Gewaltfreie, der plötzlich verfolgt wird. Das ist der Outsider, der sich neben die ganze Sache stellt und dem Gewaltmenschen die andere Backe hinhält. Und dann haben wir einen schwarz geschminkt, ihm den Lendenschurz umgewickelt, uns Uniformen angezogen und haben den verfolgt – durchs Publikum durch, ohne Erbarmen, im Sinkkasten über die Tische hinweg, bis vorne hin. Dann haben wir gebetet: Der Herr ist mein Hirte, Dir wird nichts mangeln. Und das skandiert, und einer auf Englisch, und einer auf Französisch, und der Rest weiter, und das immer aggressiver. Und dann immer lauter. Und dann ist der langsam, ohne das wir [mehr] getan haben, in sich zusammengebrochen. Wir haben ihn geschnappt, auf'n Kreuz gelegt und ein Kreuz hingestellt, das war vier Meter hoch und da hing der oben am Kreuz. […] Und dann haben wir auf den schwarz geschminkten Bauch mit einem Super 8 Film das Gesicht von Martin Luther King mit seinem Text projeziert, I have a dream. Da haben sie ihn runtergeholt, das Publikum hat es nicht mehr ertragen."

Burn! Burn! / verdecktes Theater, Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.

Wenn der Darsteller nur vom Kreuz gelöst und herabgelassen wird, ist die beabsichtigte Wirkung kaputt. "Deshalb lassen wir den runterfallen als ob er tot wäre." Das geht nicht ohne Übung. Der Spieler fällt aus dem ersten Stock und wird von der Gruppe aufgefangen. Beim Münchener Jugendkongress 1971/72 wird es ernst. "Und dann ist er vom Publikum abgebunden worden und runtergefallen und uns auf die Schultern. Da ist nichts passiert, konnte auch nichts passieren. Das war alles geprobt. Jeder Griff hat gesessen." Die Baufirma Meissel & Co. ist mit dieser Inszenierung zum internationalen Jugendtheatertreffen 'interdrama' 1971 nach Berlin eingeladen worden. Die Fallübungen basieren auf dem Sensitivity-Training. Warming Up, Lockerungsübungen etc. sind  heute Allgemeingut, damals war die Theatergruppe mit ihrem Import von den us-amerikanischen Gruppen ein Vorreiter. "Das kam aus dem Underground, das war verpönt, unanständig. Das war politisch nicht gewollt."
Spannend ist auch die Wirkungsgeschichte der Inszenierungen. In München hält das Publikum den schwarzen Spieler fest und liefert ihn den Uniformierten aus, im Frankfurt am Main schmeisst das Publikum die Uniformierten raus und rettet den Schwarzen. Im Frankfurter Sinkkasten, damals noch in der Mainstraße, haben sie "so mitgespielt, das Stück so mitgetragen, dass ein anderes Stück d'raus wurde. Das geht alles nicht, wenn man das nicht vorher abgesichert und geprobt hat, das keinem von uns was passiert und keinem im Publikum was passiert – und das Stück nicht absäuft. - Das wiederum ermuntert einen auch wieder, eigene Texte zu machen, macht einen viel kreativer, man kommt zu ganz anderen Sachen. Ich schwärme von dieser Zeit. Die hat so gedauert bis 1975." (jk)

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