Baufirma Meissel & Co.

Theater und Kunst – Vorneweg

Sag' ich doch, sagt der Profet, Nicolaikirche, Frankfurt am Main 1980 © Baufirma Meissel und Co.

"Alle Verbände sagen uns, ihr seid Profis." Das breite professionelle Können der Mitglieder, das in die Gruppe Baufirma Meissel & Co. eingeflossen ist, potenziert sich in der Gruppe nochmals durch die gegenseitigen Einflüsse, die beschrieben worden sind, und den langen gemeinsamen Weg mit immer neuen Ansätzen ihres Theaters. Keine spezielle Theaterausbildung und wenig Weiterbildung in Workshops ebnen diesen Weg. "Ich persönlich habe am meisten mitgebracht durch die Praxis mit anderen Gruppen, durch verrückte Leute, die vielleicht mit Theater gar nichts zu tun haben, aus den anderen Kunstsparten und vor allem daraus, dass wir immer 'ne Gruppe waren."
Statt einer künstlerischen Spezialisierung greift Baufirma Meissel & Co. auf ein großes Reservoir an Traditionen zurück und es entsteht eine außergewöhnliche Vielfalt der Themen, ein Reichtum der Formen und eine Wandlungsfähigkeit der Ansätze. Dazu gehört unter anderem die Entwicklung und Übernahme von Puppen. Ganze Inszenierungen wie 'Sag ich doch, sagt der Profet' sind mit farbigen Flachpuppen ausgelegt, 'Die Königsgeschichte' mit lebensgroßen Stabfiguren. Umgekehrt werden die Fähigkeiten gezielt eingesetzt – oder auch weggelassen. Diethard Wies ist gelernter Bauchredner, doch das Können wird nicht eingesetzt. Auch guter Gesang zur Bänkeltafel kann zum Handikap werden, weil er das Publikum vom Inhalt ablenkt. "Lieber die Sache imitieren und benutzen als perfekt spielen. Sobald wir perfekt sind, kommen wir nicht mehr rüber, sind wir schon wieder etwas, was man goutieren kann. Man muss Spaß haben, sich ärgern und 'was behalten."
Über die Kenntnisse und die Erfahrungen mit Grafik und Werbung wird Merchandising zum Teil der Inszenierung. Zur Valentin-Inszenierung werden Winterzahnstocher mit Pelzbesatz und Sommerzahnstocher mit Schirmchen, zum Räuberstück leere Kistchen mit 'Trockenschnee', und zur Baggerhexe Ratten- und Mausefallen verkauft. Die Steine bei Hänsel und Gretel sind ein Verkaufsschlager. Es gibt ein Bedürfnis, etwas Mitzunehmen. Werden diese Dinge oder ein Handzettel, ein Comic später wieder in die Hand genommen, wecken sie die Erinnerung an das Erlebte. "Wir benutzen das alles, auch unsere Bücher sind Teil des Theaters."

Weihnachtsgeschichte / Frankfurt am Main © Baufirma Meissel und Co.
Weihnachtsgeschichte mit Kokolores / Neuenschmidten 1996 © Baufirma Meissel und Co.

Wie bei der Aufführung der Weihnachtsgeschichte in der Frankfurter Nicolaikirche mit der Handpuppe Koko ist die Spontaneität des Ensembles eine wesentliche Voraussetzung für das Theater der Baufirma Meissel & Co. Aus dem Bauch heraus fragt die Figur den Spieler "Wer ist der Vater von Jesus?" Der hat auch keine Antwort parat. Die ärgerliche Reaktion einer Mutter, die ihr Kind aus den Reihen zieht, bringt eine erste Klärung. "Und alle anderen, die noch an den Weihnachtsmann glauben, dürfen jetzt auch gehen." Im Dialog mit dem Pfarrer entsteht eine weitere Auflösung: "Alle Menschen haben einen Papa, sonst geht's nicht. Bei manchen ist er zuhause, oder er ist geschieden oder vielleicht sogar gestorben. Manche wissen gar nicht, wer der Papa ist. Wir haben alle einen Papa – und wir haben einen Vater, das ist Gott. Wir beten 'Vater unser im Himmel'. So ist das." Und diese theologische Wendung führt gleich zur nächsten Einladung für ein Gastspiel zu dieser Frage mit Koko – gleich am nächsten Sonntag für den Gottesdienst von Cantate Domino.
"Heute spricht man ja in der Kunst auch ganz anders von Bildern, Kino sind Bilder, Theater sind Bilder. Da ich ja von der Kunsterziehung her komme, habe ich ja ein eigenes Verhältnis zu den Theaterszenen. Wir stellen Bilder auf der Bühne dar. Und die Bilder bleiben auch im Kopf – bis hin zu Sprachbildern. Das Wort Bild passt auf unsere Arbeit noch viel besser als alles andere. Und die Werbung arbeitet ja ganz bewußt mit dem Bild, weil wir alle wissen, das Sehen hat auch mit dem Fühlen direkt was zu tun und ist einfacher als zum Beispiel das Hören. Hören ist schon sehr kompliziert, schon sehr subjektiv. Sehen ist noch viel allgemeiner." (jk)

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