Themen XYZ 2005

Mehr als Grimm und Grips

Kinder- und Jugendtheater in Deutschland

von Gerd Taube

Immer wieder wird von Kollegen aus dem Ausland die Frage nach der Identität des deutschen Kinder- und Jugendtheaters gestellt. Seine Besonderheiten, seine Einmaligkeit, seine Unverwechselbarkeit wurde lange Jahre und wird häufig noch heute mit dem Begriffspaar "Grimm und Grips" beschrieben. Der Begriff Kinder- und Jugendtheater bezeichnet in Deutschland jedoch nicht nur das Theater für Kinder und Jugendliche, sondern auch all jenen Theaterformen, bei denen die Kinder und Jugendlichen selbst zu Akteuren werden. Wir wollen über das zeitgenössische Kinder- und Jugendtheater in Deutschland informieren, indem wir ein differenziertes Bild von einer erfolgreichen, leistungsstarken und unverwechselbaren Theaterform zeichnen. Diese Einführung gibt einen Überblick über die Themen der weiteren hier veröffentlichten Artikel über das deutsche Kinder- und Jugendtheater. Taube

Vielfältige Strukturen

von Jürgen Kirschner

Vielfalt ist das Zauberwort, das nicht nur zur Beschreibung des Kinder- und Jugendtheaters im Theaterland Deutschland, sondern auch zur Begründung von Erhalt und Ausbau dieser Theaterformen herangezogen wird. Da es 'das' deutsche Kinder- und Jugendtheater nicht gibt, lässt es sich nur durch die Vielfalt der Unterschiede erklären bzw. verfechten. Zum exklusiven Spiel zur Weihnachtszeit haben sich seit der Nachkriegszeit im Osten eigenständige Spezialtheater, im Westen 'Vierte Sparten' an den Dreispartenhäusern gesellt. Die Privattheater sind nach dem Krieg, die Freien Gruppen seit den sechziger Jahren Teil der westdeutschen Landschaft des Kinder- und Jugendtheaters geworden. Die Lücken im Angebot der Spezialtheater werden von anderen Anbietern auf ihre Weise gefüllt. Dieses kulturelle Angebot, das oft über Kindergärten und Schulen bzw. im Gastspielbetrieb die Kinder und Jugendliche erreicht, wird durch die Theaterverbände unterstützt und durch die Etats der Städte, Länder und Gemeinden ermöglicht. Kirschner

Die Entwicklung eines Repertoires für das Kinder- und Jugendtheater in Deutschland

von Henning Fangauf

Von großer Bedeutung für das Kinder- und Jugendtheater in Deutschland ist sein Stückerepertoire. Dieses besteht aus Märchenstoffen, Bearbeitungen klassischer Weltliteratur, Dramatisierungen von Kinder- und Jugendbüchern und aus Autorenstücken, die häufig auf einem zeitgenössischen Thema basieren. Das Repertoire hat sich in den beiden deutschen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg unterschiedlich entwickelt. In der DDR schrieben seit den 50er Jahren die bekanntesten Dramatiker wie Peter Hacks oder Thomas Brasch Stücke für das Kinder- und Jugendtheater, dessen Dramen Teil der Nationalliteratur wurden. In der Bundesrepublik entstand eine eigenständige, 'emanzipatorische' Dramatik für Kinder erst Anfang der 70er Jahre. Heute verfügt die Dramatik des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland und seine Autorschaft über ein entwickeltes System mit zahlreichen Verlagen, Wettbewerben und Werkstätten sowie 700 Premieren jährlich. Fangauf

Darstellende Kunst für ein junges Publikum - Möglichkeiten der Begegnungen

von Annett Israel

Das professionelle Kinder- und Jugendtheater findet seit seiner Entstehung seine Selbstbestimmung in seiner besonderen Beziehung zu seinen Zuschauern. Zwar existieren die Genres der darstellenden Kunst (Schauspiel, das wieder entdeckte Erzähltheater, Puppentheater, Kindermusiktheater und Tanz) für ein junges Publikum auch unabhängig voneinander und prägen ihre eigenen Szenen. Doch vor allem in der Theaterkunst für Kinder verwischen deren Grenzen zunehmend im Zusammen- und Wechselspiel der Künste und Künstler. Nicht das jeweiligen Genre, sondern künstlerische Entscheidungen prägen die Wahl der beteiligten Künstler und damit der Mittel. Die programmatische oder produktionsbezogene Zusammenarbeit von Schauspielern, Musikern, Sängern, Puppen- oder Figurenspielern und bildenden Künstlern oder Tänzern ist an deutschen Kindertheaterbühnen mittlerweile Praxis. Sie hat jene Vielfalt der Formensprachen und Stile hervorgebracht, die aus dem Reichtum aller in der Darstellenden Kunst verfügbaren Mittel schöpft. Israel

Theaterpädagogik als Theaterkunst – Theaterkunst als Theaterpädagogik

von Gabi dan Droste

Theaterpädagogik am professionellen Theater hat sich zu einem selbstverständlichen Bestandteil an vielen Häusern entwickelt. Im Kinder- und Jugendtheater wird das Verhältnis von Theater und Publikum entscheidend durch das asymmetrische Verhältnis von Erwachsenen und Kindern bestimmt. Diese erfordert Wissen über die 'Andersartigkeit' des jungen Publikums, um Spiel- und Erzählweisen, Dramaturgien, Stoffe und Darstellungsformen zu verwenden, die ein Wechselspiel zwischen Bühne und Zuschauerraum ermöglichen. Theaterpädagogischer Arbeit kommt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle zu. Sie hat Arbeitsmethoden entwickelt, mit Hilfe derer sie die Begegnung mit Theater über die Aufführung hinaus gestaltet und durch die sie zu einer wichtigen Quelle für das Wissen über seine jungen Zuschauer geworden ist. Sie erweitert durch die Arbeit in Jugendclubs und Partizipationsprojekten das Theater zu einem Ort, an dem Kinder und Jugendliche sich eigenständig, öffentlich und künstlerisch äußern können. In der aktuellen Diskussion um das Modell eines 'KinderTheaterHauses' geht es darum, Theaterpädagogik und Kunstproduktion als gleichberechtigte und dialektisch einander bedingende Teile 'eines' konzeptionellen Ansatzes zu begreifen. Droste

Die Spielweisen der Kinder

von Ilona Sauer

Kinderspiel gilt seit dem 18. Jahrhundert als Tätigkeit der Selbstbildung und erste Einübung ins Ästhetische. In ihren spontanen Rollenspielen sind die Kinder nicht nur Spieler, sondern zugleich auch Autoren und Regisseure ihrer Geschichten. Gespielt wird in ständiger gegenseitiger Abstimmung der Spielweisen, der Themen und der Handlung. Ihre Spielweise ist nicht durch das Hineinschlüpfen in Rollen und Rollenidentifikation gekennzeichnet, sondern durch den Diskurs, der die Spielhandlung nicht abbricht, sondern dieser eine neue Richtung gibt. Gekennzeichnet ist die Unterbrechung der Spielhandlungen durch Erzählvorgänge. Kinder spielen erzählend und erzählen spielend, beide Elemente sind untrennbar in ihren Spielen verknüpft. Dabei entwickeln die Kinder durch die Begegnung mit der Welt, die sie umgibt ihr Vorstellungsvermögen. Sie sind Forscher und Gestalter zugleich. Den Spielformen der Kinder einen künstlerischen Wert zuzugestehen und das Theaterspiel nicht nur unter pädagogischem oder funktionalem Aspekt zu betrachten ist für das Theater mit Kindern wesentlich. Sauer

Das Ensemble als künstlerisches Kraftfeld

Überlegungen zu einer Ästhetik im Theater der Jugendlichen

von Annett Israel

Das Theater, das jugendliche Spieler für ein meist gleichaltriges Publikum aufführen, hat in Deutschland eine lange Tradition und viele Orte. Diente das Theater vor allem in der Schultheaterszene lange Zeit ausschließlich der Vermittlung des klassisch-dramatischen Erbes, so hat es sich längst von dieser interpretierenden Funktion befreit. Die jungen Spieler eröffnen heute eine umfassende eigene Sicht auf unsere Welt und ihr Lebensgefühl. Dabei geht die Energie von der Gruppe aus, denn sie bilden den kraftvollen Hintergrund, vor dem jeder in der Geborgenheit der Gemeinschaft eine Hauptrolle spielen kann. Dafür wurden vielfältige Formen entwickelt, in denen das Theater offen mit seinen Mitteln spielt. In jeder Aufführung ist der Prozess des Probens mit dem Spielleiter aufgehoben. Sichtbar wird das als Teil einer eigenen Ästhetik, wenn es dem Spielleiter gelingt, seine eigenen künstlerischen Ambitionen mit den Sehnsüchten und den Fähigkeiten der jungen Menschen zu verbinden. Dann kann eine Gruppe jenes Kraftfeld entfalten, das uns Zuschauer an den Sitzplatz heftet. Israel

Kinder- und Jugendtheater als ästhetische Bildung

von Eckhard Mittelstädt

Warum wird das Kinder- und Jugendtheater als Teil der ästhetischen Bildung angesehen? Drei Alternativen, die Friedrich Schiller 1793 entwickelt hat, bestimmen die Diskussion um die ästhetische Bildung in Deutschland bis heute. Zum Beispiel fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Kinder- und Jugendtheater über das Programm 'Kulturelle Jugendbildung'. In diesem Programm, das viele Bereiche der Kultur wie etwa Bildende Kunst, Film, Fotografie, Literatur, elektronische Medien, Musik, Rhythmik, Spiel, Tanz, Theater und Video fördert, sind alle drei Möglichkeiten gleichberechtigt nebeneinander enthalten: Erziehung durch Kunst, Erziehung zum freien Umgang mit Kunst und die Erziehung zur Kunst. Inmitten dieser Landschaft der kulturellen Jugendbildung kommt dem Kinder- und Jugendtheater eine besondere Rolle zu, die uns auf den Begriff der ästhetischen Bildung zurückführt. Ästhetische Bildung nach Schillerscher Definition reicht über das Erlernen von formalen Qualifikationen in jedem Falle hinaus, setzt vielmehr einen Prozess der Selbstbildung in Gang. Kinder und Jugendliche machen ästhetische Erfahrungen zum Beispiel durch die wahrnehmende und durch die gestaltende Auseinandersetzung mit Theater. Indem sie Theater spielen, erfahren sie die Differenz von Rolle und Figur, von Darstellen und Dargestelltem; indem sie Theater sehen, sind sie zugleich Zuschauer und Mitspieler, denn das Verhältnis von Bühne und Zuschauerraum ist ein dialogisches Verhältnis. Mittelstädt

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