Chronik

Fazit 2008

Auszeichnung der Nominierten für den Deutschen Kindertheaterpreis 2008: v.l.n.r. Gerd Taube, Bente Jonker, Katrin Lange, Andreas Steudtner, Hans-Peter Bergner (Foto: Karin Berneburg)

Für den Deutschen Kindertheaterpreis 2008 und den Deutschen Jugendtheaterpreis 2008 sind 125 Texte vorgeschlagen worden. Das Verhältnis von 67 Vorschlägen für den Deutschen Kindertheaterpreis und 58 Vorschlägen für den Deutschen Jugendtheaterpreis, das 2006 noch deutlich zugunsten des Kindertheaters ausfiel, weist zunächst oberflächlich auf ein Erstarken des Jugendtheaters hin. Bei dem Versuch, in den beiden Sparten des Kindertheaters und des Jugendtheaters inhaltliche Trends und Tendenzen zu beschreiben, lassen sich zudem für das Jugendtheater deutlichere stoffliche und inhaltliche Schwerpunkte beobachten als im Kindertheater.

Ein prägendes Thema des aktuellen Jugendtheaters ist die Suche nach der eigenen Identität der jungen Protagonisten in einer Gesellschaft, in der verbindliche Werte und Normen zur Orientierung fehlen und in der auch Erwachsene zunehmend den Überblick verlieren. Die Elterngeneration kommt in den aktuellen Stücken des Jugendtheaters kaum vor, wird entweder nur zitiert oder als derart egoistisch geschildert, wie man es sonst den Teenagern vorwirft. Damit erscheint die erwachsene Generation eher als passiv und selbstbezogen, während sich die Aktivität der jugendlichen Protagonisten oft in Gewalt gegen sich selbst und andere äußert. Ihre Aggressivität ist eine Überlebensstrategie: Die Figuren wollen sich selbst spüren, der Wirkung eigenen Handelns gewahr werden und sich unabhängig machen von den Erwartungen und Urteilen anderer. Sie intensivieren in der Ausübung und dem Erleiden von Gewalt ihre Erfahrungen, um ihrem Leben einen Sinn geben. In der Aggressivität der Sprache drückt sich deutlich aus, dass es in den Figurenbeziehungen nicht nur um körperliche, sondern auch um psychische Gewalt geht. Doch manches Mal fehlt den Konflikten die Fallhöhe, weshalb so mancher Theatertext über eine soziologisierende Abbildung von Realität nicht hinauskommt.

Im Jugendtheater wie im Kindertheater ist eine deutliche Dominanz von nicht dramatischen Bauformen zu beobachten. Viele Autorinnen und Autoren spielen mit den Prinzipien und Elementen des Erzähltheaters. Die den besten Stücken dieser Art eingeschriebene lustvolle Distanzierung von Rollen-Ich und Darsteller-Ich fordert den Schauspieler heraus, durch fortwährenden Wechsel zwischen Erzähler- und Darstellerfunktion, seine Wandlungsfähigkeit und Flexibilität in der Rollengestaltung zu zeigen und zu entwickeln. Gleichzeitig schaffen die epischen Formen Situationen, in denen Figuren sich mit ihren Äußerungen direkt an die Zuschauer wenden. Die Texte thematisieren damit gleichzeitig den Unterschied und die Beziehungen zwischen der Wirklichkeit der Zuschauer und der Realität, die das Theater schafft.

So eindeutige inhaltliche Schwerpunkte wie für das Jugendtheater lassen sich für das Kindertheater nicht formulieren. Positiv gedeutet verweist das auf die große stoffliche Breite des Kindertheaters. Während im Jugendtheater die realistischen Stoffe mit deutlichem Bezug auf die aktuelle Lebensrealität dominieren und sich die Stücke mit historischen oder fantastischen Stoffen an den Fingern einer Hand abzählen lassen, ist das Verhältnis von aktuellen und fiktiven Stoffen im Kindertheater ausgewogener. Die Stücke erzählen mythologische, poetische und phantastische Geschichten ebenso wie Geschichten über den Alltag in der Schule und der Familie. Einigen Texten war anzumerken, dass ihre Autorinnen und Autoren zu wenig auf die Symbolkraft des Theaters und die ästhetische Lesefähigkeit der jungen Zuschauer vertrauen, zu eindeutig sind die Geschichten konstruiert und zu eindimensional wird in ihnen Realität abgebildet.

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