Chronik

Fazit 2012

v.l. M. Baltscheit, C. Barndau, A. Tuckermann, E. Becker, G. Pagels (Vertretung Mike Kenny), L. Hübner, P. Brullemans, E. Rottmann, Dr. G. Taube, M. Schäfers (Vertretung Björn Bicker), J. Menke-Peitzmeyer, R. Kraushaar (Foto: Karin Berneburg)

Das einstige Spezialtheater für Kinder und Jugendliche verortet sich nicht mehr durch künstlerische und strukturelle Abgrenzung, sondern durch Grenzüberschreitungen. So ist Theater für junges Publikum vielerorts zum Normalfall geworden. Das Spezialtheater gilt nun als die Sparte der Spezialisten für junge Zuschauerinnen und Zuschauer und seine künstlerische Praxis verbreitet sich rasch. Dank einer gestärkten Beziehung der Theaterkünstler zur Theaterpädagogik und der damit verbundenen Grenzüberschreitungen in beide Richtungen, kommen die Idee des Kinder- und Jugendtheaters und die damit verbundenen Qualitätsvorstellungen zunehmend in der Praxis des deutschen Stadttheaters an. Künstlerinnen und Künstler, die begierig auf interdisziplinäres und genreübergreifendes Arbeiten sind, erschließen interessiert und risikobereit dem jungen Publikum Ausdrucksformen jenseits des herkömmlichen Schauspieltheaters.

Gegenwärtig gewinnen die moderne Theaterpädagogik, das zeitgenössische Tanztheater und die Performancekunst entscheidenden konzeptionellen Einfluss auf das Profil des Theaters für junges Publikum, indem sie darstellerische, tänzerische und performative Formen des Theaters für soziale und künstlerische Bildungsprozesse nutzbar machen und den aktiven, spielend forschenden und lernenden Menschen in den Mittelpunkt rücken. Und so ist das Theater für junges Publikum als selbstbewusste Kunstform eine sozial wirksame und gesellschaftlich bedeutsame Spielart der Kulturellen Bildung.

Ein Blick auf die Auswahllisten zu den Preisen und in die Spielpläne der Theater für junges Publikum zeigt deutlich, dass die Autorinnen und Autoren, die für Kinder und Jugendliche schreiben einen entscheidenden Anteil am Erfolg des Kinder- und Jugendtheaters haben. Auch sie sind Spezialisten und wir wünschen uns mehr davon: Junge Autorinnen und Autoren, die sich schon während des Studiums des Szenischen Schreibens für das junge Publikum interessieren, erfahrene Autorinnen und Autoren des Kinder- und Jugendtheaters, die in Förderprogrammen wie 'Nah dran!' oder dem Stipendium zum Deutschen Kindertheaterpreis gemeinsam mit den Theatern neue Stücke entwickeln und berühmte Autorinnen und Autoren, die wie der Nominierte Lutz Hübner, in der Sparte Kindertheater debütieren. Die Vergabe von Preisen kann die Mühsal der unermüdlichen Forderung und Förderung neuer Schreib-Projekte nicht ersetzen, aber Preise können Leuchttürme sein, Landmarken an denen man sich orientieren kann. Mit der Vergabe des Deutschen Kindertheaterpreises und des Deutschen Jugendtheaterpreises haben wir dank der zuverlässigen Förderung des preisstiftenden Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend seit 16 Jahren zwei bundesweit strahlende Leuchttürme.

Die insgesamt 153 Vorschläge für die beiden Preise zeigen, dass die Texte des gegenwärtigen Theaters für Kinder und Jugendliche inhaltlich und formal so vielfältig sind wie niemals zuvor. In seinen besten Theatertexten erweist sich das Kinder- und Jugendtheater nach wie vor als emanzipatorisches Theater, das dem jungen Publikum realistische und fantastische, fiktionale und dokumentarische, magische und rationale Zugänge zur Welt eröffnet. Die Texte des Theaters für junges Publikum erzählen immer Geschichten über kindliche und jugendliche Identitätsfindung und Emanzipation, indem die Autorinnen und Autoren lustvoll mit Regeln, Verhaltensweisen und sozialen Hierarchien spielen.

Top-Themen im Jugendtheater sind nach wie vor die Pubertät und die Suche nach Halt und Identität in dieser biografischen Phase der Verunsicherung und Orientierung. Fremdsein und Anderssein sind Motive, die sich in aktuellen Texten des Jugendtheaters häufig finden. Auffällig am aktuellen Jahrgang ist die kritische Auseinandersetzung mit der Abschiebepraxis in Deutschland. In diesen Stücken wird das Theater zu einer politischen Öffentlichkeit und holt sonst verborgene Vorgänge ins Licht. Im Kindertheater dominieren familiäre Themen wie Tod und Trauer, Verlust und Verlustangst, Demenz, abwesende Eltern und Missbrauch. Dieses Themenspektrum verweist auf die dunklen Seiten der Lebenswirklichkeit von Kindern. Dennoch gelingt es den Autorinnen und Autoren des Kindertheaters in ihren Texten, mit fantastischen, komischen und tragikomischen Mitteln starke Kinder zu zeigen, die an den existentiellen Lebenssituationen nicht zerbrechen, sondern mit Hoffnung und Sehnsucht in die Zukunft schauen können.

So hebt das gegenwärtige Theater für junges Publikum die Tradition des Emanzipatorischen Kinder- und Jugendtheaters für die Zukunft auf. Und so müssen wir immer wieder sorgfältig prüfen, wie viel Anteil die Tradition an der Zukunft dieser Theaterform haben muss, denn das künstlerisch und gesellschaftlich Zukunftsfähige entsteht in kritischer Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, der aktuellen Theaterkunst und der eigenen Tradition des Kinder-und Jugendtheaters. Den Herausforderungen, die vor dem Theater für junges Publikum stehen, müssen sich nicht nur die Künstlerinnen und Künstler stellen, sondern alle, die an der künstlerischen Entwicklung und der Stärkung der Theaterkunst für junges Publikum als integraler Bestandteil der Theaterkultur und der Kulturellen Bildung in Deutschland interessiert sind!

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