Chronik

Fazit 2014

v.l. Bettina Bundszus-Cecere, Jens Raschke, Kristo Sagor, Carsten Brandau, Doris S. Klaas, Jan Friedrich, Barbara Christ, David Greig, Gert Taube, Peter Feldmann (Foto: Karin Berneburg)

Bereits zum zehnten Mal hat die Jury die literarische Produktion des Kinder- und Jugendtheaters der letzten beiden Spielzeiten gesichtet und die literarische Qualität, die künstlerische und gesellschaftliche Relevanz sowie die Praxistauglichkeit von Theatertexten für Kinder und Jugendliche evaluiert. Ein grundlegender Befund zu den literarischen Formen zeigt, dass unter den 102 Vorschlägen die geschlossene dramatische Form kaum noch vorkommt und das Episodische, das Episch-Narrative und das Monologische dominieren. Das, wofür Schauspieler ausgebildet werden, ist selten geworden: Dialoge, die in differenzierter Sprache Figuren umreißen, die von Schauspielerinnen und Schauspielern auf der Bühne dargestellt und somit zu lebendigen und vielschichtigen Figuren werden, haben wir kaum gefunden. Und dramatische Situationen, die in der Vergegenwärtigung auf der Bühne ihre szenische und emotionale Kraft entfalten können, sind oft durch Reflexion und Kommentar ersetzt.

Es gibt dafür andere Herausforderungen für die Schauspieler. Das Episch-Narrative erfordert oftmals die direkt an den Zuschauer gerichtete Ansprache, ohne das Grundgerüst einer dramatischen Situation; das erfordert vom Schauspieler aber dennoch eine wahrhaftige Haltung, damit er nicht zur Sprachröhre für Kommentar und Reflexion der Figuren wird. Außerdem muss die dramatische Spannung, die nicht mehr aus der dramatischen Bauform des Stückes resultiert, über andere Verfahren hergestellt werden, denn das Gespanntsein darauf, wie es weiter geht, ist eine grundlegende Erwartungshaltung des Publikums. Das ist eine Herausforderung für Schauspieler und Autoren.

Positiv sind uns die Ergebnisse der Stückentwicklungen von Autoren und Theatern aufgefallen. Sie sind oftmals theatralischer als andere Texte und man merkt ihnen an, dass sie für die Praxis eines Schauspielertheaters geschrieben wurden. Thematisch dominiert weiterhin die Vielfalt. Auffällig sind im Kindertheater Stücke über Tod, Abschiednehmen und Trauer, die diese Themen auf ganz unterschiedlichen symbolischen Ebenen und in oftmals poetischen Geschichten erzählen. Schulversagen, Wohlstandsverwahrlosung und Helikoptereltern sind Themen aus der aktuellen Lebenswelt von Kindern. Themen kindlicher Sozialisation wie Freundschaft, Peer-to-Peer-Beziehungen, Gerechtigkeit und Selbständigkeit werden als Sozialisationsaufgaben der Kindheit reflektiert. Wir erleben starke und mutige Kinder, verletzliche und schwache Kinder, selbständige und hilflose Kinder – ein einheitliches Kindheitsbild lässt sich für das gegenwärtige Kindertheater jedoch nicht feststellen. Der Kindheitsdiskurs im Kindertheater wird dadurch differenzierter.

Allerdings ist der Jury aufgefallen, dass die Helden der Theaterstücke selten Heldinnen sind und der fachliche Diskurs zu Geschlechterkonstruktionen im zeitgenössischen Kinder- und Jugendtheater kaum geführt wird. Und in der Tat, seit der Ausstellung 'Weibliche Rollen im Kinder- und Jugendtheater' im Jahr 2000 hat sich das Kinder- und Jugendtheaterzentrum nur noch am Rande mit der Genderfrage im Kinder- und Jugendtheater beschäftigt.

Zwar wird in der Theaterpraxis hier und da die Diskussion über Geschlechterbilder in der Kinder- und Jugenddramatik geführt. Aber sie müssten wieder zum Gegenstand des Fachdiskurses gemacht werden. Denn das Kinder- und Jugendtheater soll sich auf die ganze Bandbreite der gesellschaftlichen Realität von Kindern und Jugendlichen beziehen. Deshalb muss die Frage nach den Geschlechterkonstruktionen in den Theatertexten für Kinder und Jugendliche gestellt und reflektiert werden.

Und ein anderes Defizit fällt bei den 102 Vorschlägen auf: Figuren, die einen anderen ethnischen oder kulturellen Hintergrund haben sind in den Texten der deutschen Autorinnen und Autoren unterrepräsentiert. Interkulturelle Akzente setzen allenfalls die Texte ausländischer Autorinnen und Autoren. In der Landschaft des deutschen Kinder- und Jugendtheaters ist offensichtlich die Theaterpraxis bereits weiter als die Theaterliteratur. Denn vor allem in Rechercheprojekten und Produktionen mit Jugendlichen werden die ethnische und die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaft repräsentiert und reflektiert.

Wenn wir jetzt erleben, dass nun zunehmend auch Künstlerinnen und Künstler anderer Sparten, die bislang ausschließlich für Erwachsene gearbeitet haben, künstlerisch für Kinder und Jugendliche tätig werden, dann erfüllt sich damit eine jahrzehntelang erhobene Forderung aus der Kinder- und Jugendtheaterszene. Kunst für Kinder soll zur Selbstverständlichkeit werden! Nachdem die Kinder- und Jugendtheater lange dafür gearbeitet und gekämpft haben, dass das Kinder- und Jugendtheater Spartengrenzen überwindet, sollte die Szene den neuen Akteur/innen und Autor/innen mit Offenheit begegnen und weiterhin die Förderung von Autor/innen, egal ob sie literarische Texte schreiben oder ob sie andere Formen der künstlerischen Autorschaft pflegen, als Motor der künstlerischen Entwicklung des Theaters für Kinder und Jugendliche begreifen. So wie der Deutsche Kindertheaterpreis und der Deutsche Jugendtheaterpreis sein 18 Jahren als Motor in der Autorenförderung wirken.

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