Preisträger

Björn Bicker (Foto: Arno Declair)

Bicker, Björn (Deutschland)
Deutscher Jugendtheaterpreis 2012
für sein Stück Deportation Cast

schaefersphilippen Theater und Medien, Köln

Jurybegründung

"Schuld", "Verantwortung" und "Rechtfertigung" übertitelt Björn Bicker die drei Handlungsebenen, auf denen er in seinem Stück von der Abschiebung einer Roma-Familie aus Deutschland in den Kosovo erzählt. Der nüchterne bürokratische Vorgang wird so mit dem Blick auf die darin verwickelten Menschen eindrucksvoll subjektiviert: als Tragödie einer traumatisierten Familie, als Drama einer entzweiten Ersten Liebe, als lukratives Geschäft und als Störfaktor, der die Gewissheiten einer bürgerlichen Mittelschicht ins Wanken bringt. Dabei wird klar, dass zwischen Recht und Gerechtigkeit eine entsetzliche Lücke klafft. Simple Gut-Böse-Zuschreibungen laufen ins Leere und werden dem Mut zur inhaltlichen Komplexität des Autors nicht gerecht. Der Autor etabliert sprachlich pointiert und im Wechsel von pseudo-dokumentarischen, epischen und dialogischen Passagen eine starke theatrale Form.

Werkbeschreibung

Der fünfzehnjährige Egzon, Sohn einer Roma-Familie, hat nicht mehr gesprochen seit er vier ist und bei einem Überfall auf sein Dorf Grausames erlebt hat. Seine Familie ist aus Deutschland abgeschoben worden. In der alten Heimat sind die Roma nicht willkommen. Der Vater sammelt Dosen auf der nahen Müllkippe, seine Schwester Verena geht im Hotel anschaffen, damit sie die Medikamente für ihren epileptischen Bruder bezahlen kann. Toni sein großer Bruder macht Geschäfte mit den Albanern. Der Vater hält das andauernde Schweigen Egzon nicht mehr aus. Er fährt in das Dorf, um zu erfahren was sein Sohn damals erlebt hat. Egzon trinkt sich Mut an und sticht dem Mann, der seine Schwester auf den Strich schickt mit einem Messer die Augen aus. Im Gefängnis stirbt Egzon. Die Familie flieht. Parallel entwickelt sich die Handlung zwischen Bruno, dem Sohn des Piloten, der in die Tochter der abgeschobenen Roma-Familie verliebt ist und es nicht verwindet, dass Verena jetzt dort ist und nicht wieder zurückkommen darf. Seine Lehrerin bringt ihn auf die Idee, Verena im Kosovo zu besuchen, allerdings soll er sich von seinem Vater begleiten lassen. Doch Bruno klaut der Lehrerin Geld und fliegt allein nach Pristina. Dort holen ihn der Vater und die Lehrerin ab. Auf der Rückfahrt halten sie an einer Raststätte. Bruno hält eine Tankpistole wie eine Dusche über sich, in der anderen Hand ein Feuerzeug. Und der tote Egzon, der als Vierjähriger die verheerende Kraft des Feuers erlebt hatte, steht neben ihm und sagt ruhig: "Kein Feuer, Bruno, kein Feuer." Das Stück verwebt die Geschichten zweier Familien zu einem bewegenden und vielschichtigen Spiel um Verantwortung und Schuld. Auf wessen Seite ist das Recht? Und wer spielt seine Rolle am überzeugendsten?

Kurzbiografie

Geboren 1972. Björn Bicker studierte Literatur, Philosophie und Allgemeine Rhetorik in Tübingen und Wien. Er arbeitete als Dramaturg am Wiener Burgtheater und an den Münchner Kammerspielen. In München erfand, entwickelte und leitete er gemeinsam mit Kollegen in den Jahren 2003 bis 2008 die Stadtprojekte 'Bunnyhill' und 'Illegal'. Von verschiedenen Theatern wird Björn Bicker regelmäßig mit Auftragsarbeiten betraut. Etliche seiner Stücke, so auch 'Deportation Cast', wurden vom Bayrischen Hörfunk in Hörspielfassungen übernommen. Weiter ist Björn Bicker Dozent für Dramaturgie, Theatergeschichte und Szenisches Schreiben an der Otto-Falckenberg-Schule in München.

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