Preisträger

Jörg Menke-Peitzmeyer (Foto: Klaus Dieker)

Menke-Peitzmeyer, Jörg (Deutschland)
Nominiert für den Deutschen Jugendtheaterpreis 2012
für sein Stück Getürkt

Theaterverlag Hofmann-Paul, Berlin

Jurybegründung

Musa ist als Libanese in Deutschland aufgewachsen. Er spricht, liest und denkt Deutsch. Als den Behörden auffällt, dass sich seine türkischen Eltern fälschlich als libanesische Bürgerkriegsflüchtlinge ausgegeben haben, wird er von einem Augenblick zum anderen ein Türke. Er ringt mit seiner neuen Identität, die er nicht annehmen kann, die er sogar verachtet. Jörg Menke-Peitzmeyer schildert den Zynismus und Wahnsinn der Geschichte einer Abschiebung. Mit sprachlicher Wucht zeichnet der Autor einen starken selbstbewussten Protagonisten, während er seine Gegenspieler vom Amt satirisch darstellt und die Absurdität des amtlich verordneten Identitätswechsels komisch zuspitzt. Er bietet aber keine Lösung an, sondern zeigt nur die Situation der Figuren und ihre Reaktionen darauf.

Werkbeschreibung

Als der Ausländerbehörde auffällt, dass sich seine türkischen Eltern zu Unrecht als Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon, ausgegeben haben wird per amtlichem Bescheid aus dem in Deutschland geborenen, vermeintlichen Libanesen Musa von einem Augenblick zum anderen ein Türke. Nun wird der Achtzehnjährige abgeschoben. Und er ringt mit seiner neuen Identität, die er nicht annehmen kann, die er verachtet. Amtsleiter Trostmann von der Ausländerbehörde, der Recht und Gesetz durchsetzt, und die Sachbearbeiterin Ulrike, die immer Mitleid mit den Fällen hat, sind geübt im Abschieben und sprechen über ihre Erfahrungen. In Strombergscher Manier hält Trostmann den Büroalltag in einer Art Video-Tagebuch fest. Musa sitzt im Abschiebeknast und dann im Flieger nach Istanbul, wo er sich als Löwe in der Fremde fühlt. Als seine türkische Freundin aus Berlin kommt, um ihn zu besuchen, schlägt er sie in der Verzweiflung des unbehausten und getürkten Libanesen. Sie fliegt zurück, er bleibt zurück. Entscheidend ist, ob man sich frei bewegen kann, weil man Geld und den richtigen Pass hat oder ob man sich nicht frei bewegen kann, weil man kein Geld und nicht den richtigen Pass und deshalb dort bleiben muss, wo man hingeschickt oder hineingeboren wurde.

Kurzbiografie

Geboren 1966 in Westfalen. Nach seinem Studium an der Folkwang Hochschule in Essen führten ihn Engagements nach Mainz, Gießen, an das Theater am Kurfürstendamm und das Schlossparktheater in Berlin. Auf sein zweites Studium in dramatischem Schreiben folgten Auftragsarbeiten für das Theater der Altmark Stendal, das Theater Freiberg, das Grips-Theater Berlin und das Schloßtheater Moers. Seit 2006 lebt er als freiberuflicher Autor und Schauspieler in Berlin.

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