Augenblick mal! 1993

Mittwoch, 28. April 1993 | carrousel Theater an der Parkaue

SCHAUBURG - Theater der Jugend, München
Andorra
von Max Frisch
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main
ab 15 Jahren | 75 Minuten

Regie: Ted Keijser
Ausstattung: Peer Boysen
Dramaturgie: Georg Podt, Sabine Lehmann
Musik: Toni Matheis
Darsteller*innen: Corinna Beilharz (Jemand), Martin Dudeck (Andri), René Dumont (Der Doktor), Peter Ender (Der Lehrer), Katarina Klaffs (Barblin), Dirk Laasch (Der Judenschauer), Helena Lustinger (Die Senora, Die Mutter), Robert Spitz (Der Pater, Der Tischler), Heio von Stetten (Der Soldat), Christoph Wettstein (Der Wirt, Der Geselle)

Inhalt:

Thema des Stücks ist 'Fremdenhass', 'Anderssein' und 'Zivilcourage'; einmischen statt wegsehen. "Ich bin nicht schuld" oder "Ich hab nur meinen Dienst getan" – so reden die Figuren in Max Frischs Stück sich von jeder Mitverantwortung frei. Diese Haltung wäre nicht zum ersten Mal in unserer Geschichte verhängnisvoll. Nun werden wir mit dieser Aufführung Rechtsradikale nicht von ihrem politischen Weg abbringen können. Diese Aufgabe ist nicht leistbar durch das Theater. Wir wollen Mut dazu machen, sich zu äußern. Wir wollen mit unserer Inszenierung dazu auffordern, sich nicht hinter verschlossenen Türen zu verstecken, sondern wir wollen, dass man genau hinsieht und Stellung nimmt gegen jede Form von Vorurteil.

Text des Theaters

Votum:

Die Inszenierung setzt auf Analyse

Die Aussage liegt in der Abstraktion. Die Unfarben schwarz und weiß bestimmen die leere Bühne, in die Peer Boysen ein gutes Dutzend beweglicher Türen gesetzt hat. Schwarz-weiß gehalten sind auch die schmucklosen Kostüme der Bürger von Andorra. Wir erleben, wie diese Leute ihre Türen öffnen, häufiger, wie sie sie verschließen, sich hinter ihnen verschanzen, niemals zeigen, was eigentlich in ihnen vorgeht. Gefühle gehören nicht in die Öffentlichkeit. Die Inszenierung setzt auf die Analyse von Strukturen, und damit nimmt sie die – für heutige Gewohnheiten sicher allzu konstruierte – Fabel von Max Frisch beim Wort. Aber der Beweis gelingt: Es bedarf der gedanklichen Kälte, um zu begreifen wie Fremdenhaß und Rassismus sich in nächster Nachbarschaft vollziehen können. Insofern ist dieses wohlüberlegte Stück den meisten schnell und gutmeinend zusammengezimmerten Erklärungsversuchen zum Thema vorzuziehen. Dies entdeckt und für das Jugendtheater praktikabel gemacht zu haben, ist nicht das geringste Verdienst dieser Inszenierung.

Andri (von Martin Dudeck sehr weich und zum Glück überhaupt nicht als Türken-Imitation angelegt) nimmt sein zunächst auferlegtes, dann selbst aufgefundenes Anderssein auf sich. Am Ende, als alle erkennen müssen, daß nicht er ein Jude, sondern sein Vater ein Feigling ist, am Ende wird Andri, der Nicht-Jude, dann zum Juden gemacht. Vor aller Augen. Groß und eindringlich gespielt ist die Szene mit dem 'Judenschauer'. Und schließlich werden wir Zuschauer beschämt. Wir haben zugeschaut. 75 Minuten braucht Ted Keijser um die Parabel aus den 60er Jahren von allem Staub zu befreien. Auf Redewendungen, Satzanfänge, sprachlich unterstützte Gesten sind die Aktionen der Einheimischen verkürzt. Gezeigt wird, wie das 'Volk', wie eine Dorfbevölkerung reagiert und agiert, um in der Konsequenz etwas zuzulassen wie Ausschwitz. Die Videoaufzeichnung einer Fernsehsendung über den Verfall der Gedenkstätte in Polen ist anschließend im Foyer zu sehen. Eine nicht notwendige aber ergänzende Dimension des Abends. Der Filmschnitt zeigt, wie in dem Maße, wo die Erinnerung versagt, die gegenwärtige Bedrohung durch Rechtsradikale wächst. Die Erinnerung als Mittel, die Geister der Vergangenheit zu bannen. Damit erklärt sich das Anliegen der Münchener. 'Andorra' ist so ein theatralisches Mahnmal.

Ingrid Hentschel für die Auswahlkommission

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