Augenblick mal! 1993

Donnerstag, 29. April 1993 | Fernsehstudio Berlin, Berlin Spandau

Freiburger Kinder- und Jugendtheater
Das besondere Leben der Hilletje Jans
von Ad de Bont und Alan Zipson
aus dem Niederländischen übersetzt von Dagmar Schmidt und Wolfgang Wysocki
Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
ab 8 Jahren | 150 Minuten

Regie: Dieter Kümmel
Bühne: Roland Söderberg
Kostüme: Roland Söderberg, Margrit Schneider
Dramaturgie: Stephan Weiland
Musik: Guus Ponsioen
Darsteller*innen: Hubertus Fehrenbacher (Gerbrand van Raamsdonck, Räuber, Totengräber), Horst Geßner (Priester, Schultheiß, Smutje), Dietmar Kohn (Herbergsgast, Onkel, Marquis van Bredevelde, Seemann), Michael Miensopust (Erzähler, Prinz van Oranje, Pirat, Seemann), Daniela Mohr (Erzählerin, Tante Thérèse), Renate Obermaier (Roosje, Leprakranker), Kai Orlob (Herbergsgast, Aarnoud de Leeuw Totengräber), Heinzl Spagl (Kaufmann, Herbergsgast, Kapitän), Kirsten Trustaedt (Hilletje Jans/Jan Hille)

Inhalt:

Zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert sind in Holland über zweihundert Fälle aktenkundig, daß Frauen über einen längeren Zeitraum hinweg in Männerkleidern lebten. 'Das besondere Leben der Hilletje Jans' greift eine dieser Lebensgeschichten auf. Ein holländisches Waisenmädchen irrt durch die Sümpfe Hollands, um in Amsterdam bei ihrer Tante Aufnahme zu finden. Doch kaum angekommen, wird sie des Mordes beschuldigt, muß sieben Jahre im Spinnhaus sitzen, und danach bis zum Umfallen in der Herberge ihrer Tante schuften. Nichts, so scheint es, kann ihr Leben erträglicher machen. Bis sie eines Tages in Männerkleidern die Flucht ergreift, sich in die Dienste der Ost-Indischen Handelskompanie begibt und nach Jahren auf hoher See als erfahrener Seemann Kapitän wird. Doch als sie wieder einmal in Amsterdam vor Anker geht, fliegt ihre Tarnung auf: "Der Kapitän vom schwarzen Tod ist eine Frau!" Hilflos der Rache derer ausgesetzt, die sie jahrelang getäuscht hat, kann nur einer sie noch retten. Der Prinz von Oranien...

Theater im Marienbad, Freiburg

Votum:

Gemalt und erzählt

In der Inszenierung von Dieter Kümmel hat 'Das besondere Leben der Hilletje Jans' die Dimension eines Schinkens. In satten drei Stunden wird in ruhigen und breitangelegten epischen Tableaus der merkwürdige Lebensweg dieser Hilletje Jans gemalt und erzählt. Immer wird die Grenze zum Trivialen sorgfältig gemustert, gelegentlich auf ihr balanciert, aber doch nie wirklich überschritten. Freiburg, der Spielberg des Kinder- und Jugendtheaters. In einer Kindertheaterszene mit ihren kurzen (45') und personenarmen (2 bis 5) Stücken, wirkt das Freiburger Stadtkindertheater in seiner Opulenz merkwürdig altmodisch und entfaltet intensive und aussagekräftige Atmosphären. Die Freiburger erzählen eine Geschichte, selten genug in einer Theaterwelt der Zustandsbeschreibungen und selbstverliebten Kunstfertigkeiten. Und das mit vitalen und engagierten Darstellern und Darstellerinnen, die höchst diszipliniert und kraftvoll dieser Geschichte dienen. Für mich der entscheidende Grund, 'Das besondere Leben der Hilletje Jans' für Berlin zu empfehlen.

Nachzudenken an dieser Stelle ist darüber, wie dieses Stück des Autorengespanns de Bont, Zipson, die ihre Vorstellungen von einem Volkstheater mit einer offenen Dramaturgie verbinden, mit Rollenwechseln und sichtbaren Umzügen, nun von einem deutschen Klein-Stadttheater mit geschlossener Dramaturgie und ohne Rollenwechsel umgearbeitet wird, und ob das so im Sinne des Erfinders und der Sache dienlich ist. Ich meine, wenn es mit der darstellerischen Präsenz und ästhetischen Sicherheit der Freiburger geschieht, dann ja. Merkwürdig nur, wie es der Regie gelungen ist, die Hauptrolle beiseitezuinszenieren und dieser Schauspielerin so wenig Spielraum einzuräumen, um mehr davon der Männerwelt widmen zu können. Und doch geschieht hier etwas Eigenartiges. Man betrachtet nicht, wie mitfühlend auch immer, das Leben und Schicksal dieser Hilletje, sondern fast schaut man hindurch durch sie auf diese Welt, die sie bedroht, und lebt neben und mit ihr, man spielt ihr Schicksal mit. Diese Transparenz gestattet uns die Schauspielerin. Und das gilt doch als Zeugnis für gutes Theater, daß die Zuschauer mitspielen dürfen in ihren Köpfen und Herzen.

Thomas Lang für die Auswahlkommission

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