Augenblick mal! 1993

Sonntag, 25. April 1993 | carrousel Theater an der Parkaue

caroussel Theater an der Parkaue, Berlin
Der Indianer will zur Bronx (Schwarze Nächte)
von Israel Horovitz
übersetzt von Rudolf Stoiber
Felix Bloch Erben, Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin
Eine Koproduktion mit der Freien Volksbühne Berlin
ab 15 Jahren | insg. 360 Minuten

Regie: Dietrich Kunze
Ausstattung: Iris Damer
Bühne: Bernhard Schwarz
Dramaturgie: Felicitas Loewe, Carl Morten Amundsen
Musik: Bernd Schimmler
Darsteller*innen: Thomas Cermak (Joey), Sebastian Reusse (Murph), Rüdiger Sander (Gupta, ein Inder)
Musiker*innen: Hans-Peter Lange (Gitarre)

Inhalt:

Murph und Joey hängen wieder einmal gelangweilt auf der Straße rum, nach außen hin froh darüber, dass sich weder ihre Mütter noch die zuständige Sozialarbeiterin um sie kümmern. Was sie sich nicht eingestehen, ist die große Trauer darüber, dass niemand sie zu lieben scheint, keiner für sie da ist. Aus Trauer wird Frust, aus Frust immer wieder Aggression und Gewalt. An diesem Tag ist es schließlich Gupta, hilflos zum ersten Mal in New York, der zum geeigneten Objekt für die beiden Jungen wird, sich "an der Welt" zu rächen...

Theater an der Parkaue

'Der Indianer will zur Bronx' war eine von insgesamt acht Inszenierungen, die im Rahmen eines Theatermarathons in drei Blöcken beim 2. Deutschen Kinder- und Jugendtheatertreffen aufgeführt wurden. Die weiteren Inszenierungen des carrousel Theaters an der Parkaue waren 'Jubiläum', 'Alles beim Alten', 'Letztes aus der DaDaer' im I. Block, 'Antigone', 'Der Sozialismus geht und Johnny Walker kommt' gehörten zum II. Block. 'Jetzt bin ich älter als meine Republik' und 'Die kleine Freiheit' bildeten zusammen mit der Inszenierung 'Der Indianer will zur Bronx' einen III. Block.

Votum:

Theaterspiel, das eingreift

Reagierend auf Erscheinungen einer Zeit, die die unsere ist, wandelt sich das carrousel Theater an der Parkaue für dieses Spektakel in einen Ort politischen Aufbegehrens. Sieben Inszenierungen machen eine Nacht aus. Theaterspiel findet in jedem Winkel des Hauses statt. Theaterspiel, das eingreift, einer Konzeption gehorcht, die die Wirklichkeit diktiert hat. Ausländerfeindlichkeit, Neofaschismus, Aggressivität, Brutalität, Einsamkeit, Frust – Themen, die wie ein rotes Band die Beiträge verbinden, aus denen eine konzeptionelle Idee entsteht, die in jeder Inszenierung nach Identitätsverlust, Entindividualisierung, Verantwortung des einzelnen fragt. Was geschieht, wenn der einzelne aufhört – oder beginnt –, ICH zu sagen? Vehement geht die Inszenierung der Sophokleischen 'Antigone' dieser Frage nach. Aufgaben, Rollen sind übertrag-, austauschbar, mehrere Schauspieler verkörpern jeweils eine Figur. Das Prinzip von Macht und Ohnmacht läßt sich nicht festschreiben. Die Kinder dieser Liaison ziehen sich durch alle Zeiten, durch viele Geschichten, eine blutige Spur hinter sich lassend.

Ein Friedhof ist Ort für das 'Jubiläum' von George Tabori. Tummelplatz heutiger neofaschistischer Ausschreitungen, gibt er hier den szenischen Raum für die Widerspiegelung alltäglicher Verhaltensweisen unter nicht alltäglicher Realität, letztlich für die Aufarbeitung von Geschichte vor. Angst, Hilflosigkeit, Geducktsein lebt auf diesem Friedhof – als emotionaler Ausdruck jener 'toten' Gesichtslosigkeit, die die Opfer zu Opfern und die Täter zu Tätern machte. Laut und grell rebellieren Joey und Murph in Israel Horovitz 'Ein Indianer will zur Bronx'. Ihr Aufschrei richtet sich gegen Konformität, Ausweglosigkeit, Angepaßtsein und meint doch nichts anderes als Sehnsucht nach Geborgenheit, Verständnis und Zuwendung. Sie treten sich den Frust von der Seele und verbittern an der eigenen Brutalität. Und wenn dann in dem Material zur Dokumentarmontage 'ALLES BEIM ALTEN' der Text auftaucht "Aber warum es mir hauptsächlich geht, daß so'ne Leute wie ihr, daß ihr nicht mal nachdenkt. Ich red vom Kopf und wat da drin abgeht, und det ist gnadenloser Rassismus, det is zugucken und sich aufgeilen an der Gewalt und Todesangst", schließt sich der Bogen um Inszenierungen die nicht mehr und nicht weniger belegen, als daß der Schoß, aus dem das kroch, noch fruchtbar ist.

Das Theater reagiert und agiert mit den 'Schwarzen Nächten' auf seine Weise. Herausgelöst aus der Guckkastenatmosphäre dieses Spielorts, erlebt der Zuschauer 'hautnah' auf drei in den Theaterraum hineingebauten Bühnen durch unterschiedliche Spielweisen geprägte Aufführungen - die betroffen machen. Jede der Inszenierungen mischt sich ein, will provozieren, trägt in sich den Gedanken vom Theater als 'moralischer Anstalt'. ("Wir haben gut Moral gepredigt, aber wir haben versäumt, die Institutionen auf den Fundamenten einer solchen Moral zu bauen. Der einzelne kann seine Moral nicht bewahren, wenn sie im öffentlichen Verhalten entwertet wird. Personen können ihren ethischen Kern nicht behalten, wenn die Institutionen ihn nicht schützen." Prof. G. Schmidtchen)

Und selbst wenn einige szenische Interpretationen Zweifel offen lassen, das Ganze will und leistet mehr, als der einzelne Beitrag vermag. Vor allem, weil es von einem Ensemble getragen wird, das sich als künstlerisch-geistiger Mitgestalter einer Theateraktion versteht, die sich an einen jugendlichen Zuschauer wendet, dem es an politischer Orientierung, ethisch-moralischem Beistand fehlt. Die DDR zerfiel, ein Stück jüngster Geschichte wurde entwendet, zugedeckt. Vielleicht verlassen zehn von 100 Zuschauern das Theater mit dem Gefühl, etwas erfahren, begriffen zu haben. Ob das zählt?

Silvia Brendenal für die Auswahlkommission

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