Augenblick mal! 1993

Ohne Aufführungstermin | Ohne Spielort

Jugendtheater für Hamburg auf Kampnagel
Die Speckpferde
von Per Lysander
Verlag Autorenagentur, Frankfurt am Main
Eine Wiederaufnahme dieser Inszenierung war für das Treffen nicht möglich. Das Jugendtheater für Hamburg auf Kampnagel zeigte stattdessen 'Abwege - ganz normal nach rechts?'
ab 15 Jahren |

Regie: Jürgen Zielinski
Bühne: Stefan Ahrens
Kostüme: Jutta Imelda Kanneberger
Choreografie: Vivienne Newport
Dramaturgie: Regina Weidele
Musik: Matthias Witting, Thomas Keller
Darsteller*innen: Michaela Hanser (Maria Gren), Michael Heinsohn (Studienrat Ruin), Heike Kittelmann (Anna Noren), Reinhard Krökel (Kurt Noren), Bea von Malchus (Direktorin), Stefan Mehren (Referendar), Erik Schäffler (Kai-Robert Kondon)
Songtexte: Berthold Buschmann, Jürgen Zielinski

Inhalt:

(...) 'Die Speckpferde' zeigt Szenen aus dem Lehrerzimmer, quer durch den Lehrmittelraum, über leere Gänge; auf, unter und über Schülerpulte und Lehrerstühle. Ein neues Lehrer-Kollegium trifft aufeinander – mit pädagogischem Ehrgeiz, mit Idealismus aber auch mit Angst vor dem Unterricht und den Schülern. Jedoch die Schüler sind verschwunden und an der Kaffeemaschine hängt ein Zettel: Hilfe, ich bin im Lehrmittelraum eingesperrt. Als die Lehrer den Spuren einer rätselhaften Schulvergangenheit nachgehen, taucht plötzlich Studienrat Dr. Ruin, der Lehrer der Lehrer auf und läßt sich als "Rächer aus der Vergangenheit" so schnell nicht wieder abschütteln. Die aufgeklärten Pädagogen versuchen vergeblich, ihre Idee einer modernen Schule gegen die autoritären Ansprüche des in Routine erstarrten Kollegen zu behaupten – aber es sind vor allem ihre eigenen Selbstzweifel und Widersprüchlichkeiten, die sie immer wieder aus dem Konzept bringen. Abgründe tun sich auf, in denen unerfreuliche Realitäten der aktuellen Schulsituation aufblitzen. Im Laufe absonderlicher Ereignisse wird der Schulalltag der Wirklichkeit so weit entrückt, daß aus meilenweiter Entfernung ein anderer Blick auf Schulwirklichkeit ermöglicht wird – absurd, provozierend bis anarchistisch, verworren und verwoben wie das Durcheinander unserer Zeit.

Text des Theaters

Votum:

Witzig und kenntnisreich - Die Speckpferde

Die Geister der Vergangenheit beanspruchen ihren Platz in der demokratischen Schule. Macht ist so verführerisch, und auch liberale Lehrer können ihr kaum widerstehen. Ein Stück absurdes Theater wird hier gezeigt, witzig und kenntnisreich – und vor allem nie tendenziös. Sicher, dem Text merkt man an, daß er aus der wortreichen Pädagogikdiskussion der 70-er Jahre stammt – einige Striche wären angebracht gewesen –, aber er bleibt bei weitem nicht in der leidvollen pädagogischen Situation und ihrer Reproduktion befangen. Kein Rückfall in den Naturalismus, wie so häufig beim Thema Schule. Warum Kinder etwas lehren? Alles ist doch schon da. Wie in der Welt, so leben wir in der Wahrheit, sonst könnten wir sie ja gar nicht formulieren, sagt Dr. Ruin. Diese Figur des Dr. Ruin ist in ihrer Vielschichtigkeit exemplarisch für das ganze Stück. Die gespenstische Verkörperung des alten pädagogischen Prinzips, der autoritären Schule, ist voller Facetten, Widersprüche, überraschender Gedankensprünge und -wendungen. Seine erkenntnistheoretischen Ausflüge verdienen einige Beachtung. Hier wird ein Klischee benutzt, ohne daß die Figur sich darin erschöpfte. Dies trifft im Prinzip auf (fast) alle Figuren zu.

Das macht die Inszenierung selbst interessant. Die absurde Konstellation, ein tatenhungriges Lehrerkollegium, von den Schülern im Stich gelassen und von den Phantasmagorien der Vergangenheit bedroht, läßt auch einige Längen und Schwächen, die dem sicher nicht leicht zu handhabenden Bühnenraum geschuldet sind, ertragen. Auffällig das Niveau der schauspielerischen Leistungen. Positiv hervorzuheben bleibt, wie wenig diese Produktion sich der Jugend anbiedert. Trotz Vampirkult und Nebelschwaden aus Trockeneis, haben wir es hier nicht mit einem Stück zu tun, dem man die Zubereitung für ein spezielles Publikum anmerkt. Jugend wird hier nicht durch Eingrenzung definiert, sondern vital angesprochen.

Ingrid Hentschel für die Auswahlkommission

Es sind die Darsteller, die in Zielinskis Regie kraftvoll, souverän agieren und dem Geschehen Vitalität, und den Charakteren Glaubwürdigkeit geben. Die Dimension des Hallentheaters tut ein Übriges dazu, Bühne und Kostüm gelingt es denn auch sicher, glücklicherweise aber auch verspielt und verliebt, mit diesem Raum umzugehen. Die Musik entspricht der selbstbewußten Frechheit. Immerhin hat man hier (in Hamburg) ein Jugendtheater mit einem Stück eröffnet, in dem kein einziger Jugendlicher vorkommt.

Thomas Lang für die Auswahlkommission

Zurück zum Jahrgang

amateurfetishist.com