Augenblick mal! 1993

Mittwoch, 28. April 1993 | GRIPS Theater

Württembergische Landesbühne Esslingen, WLB-Junior
Ein kleines Traumspiel
von Staffan Westerberg
Autoren-Agentur, Frankfurt am Main
ab 6 Jahren | 60 Minuten

Regie: Greet Vissers
Bühne: Paul de Braeckeleer, Piet Goosen
Kostüme: Claidine Grinwis Plaat Stultjes
Choreografie: Janni van Goor
Dramaturgie: Thomas Milz
Musik: John-Gilbert Colman
Darsteller*innen: Francis Fulton-Smith (Stiefel, Großer Hut, Mantel), Ursula Grossenbacher (Kristine), Nadja Rieger (August, Schwein, Hut, Henne), Renatus Scheibe (Glaser), Anne Schieber (Engel)

Inhalt:

Wer sagt, daß ein Schrank kein Innenleben hat? Wer sagt, daß ein Schrank ein Schrank ist und nicht ein Schloß oder ein Schiff? Und wer sagt, daß ein Hut ein Hut ist und nicht ein Studiosus, der mit einem Engel liiert ist? Daß Spinnen nur spinnen können und nicht Klavier spielen. Bach. Achtzehnfingrig. Zum Beispiel. Wer sagt, daß ein Stiefel nicht auch eine Geliebte haben kann, auf die er jahrelang vergeblich wartet? Daß eine Socke eine Socke ist und nicht in den Himmel kommen kann, nur weil sie ein Loch hat? August jedenfalls sagt das nicht. Denn er schläft in einem Schrank. Sommers wie winters, sein ganzes langes Leben. Zusammen mit dem Glaser, dem Engel, dem Doktor Hut, dem Mantel, den Stiefeln und den Socken. Und es geht zu wie überall in einem Schrank: sie reden, lachen, streiten, singen, tanzen, verlieben sich und machen sich auch mal vor Angst in die Hosen. Und August sieht sich das alles an und hofft, daß er endlich groß wird. So groß, daß er an die geheimnisvolle Schublade heranreicht und sie ganz alleine öffnen kann. Staffan Westerberg hat sein 'Traumspiel' für Kinder nur entfernt an Strindbergs Vorlage angelehnt. Wie in einem Traum fließen die Bilder, Szenen, Räume und Zeiten ineinander, erzählen von den Erfahrungen kleiner und großer Menschen. Ein Stück poetisches Welttheater in einem Schrank.

Votum:

Aufregender Kindertraum

Ein wunderschöner Schrank sieht aus wie ein Schloß. Oder ist es in Wirklichkeit ein Schloß, das in einen Kleiderschrank verwandelt worden ist? Jedenfalls sitzt oben drauf ein richtiges Schloß, eines, in das bestimmt ein Schlüssel paßt. Aus diesem so einfachen wie zauberhaften Bühnenbild von Braeckeleer/Goosen quillt eine Vielfalt von Gegenständen, Bildern und Bedeutungen hervor, die – wundersamerweise – immer wieder zusammengehalten und auf einen Mittelpunkt bezogen wird. Unten im Schrank schläft August, das Kind. Sein Atem läßt die Schranktüren schlagen, und wenn er ins Bett pinkelt, dann verwandelt sich das Schrankschloß in ein Schiff, das auf dem großen gelben See voller Urin schwimmt. Genausowenig wie man im Traum fragt, ob etwas wirklich oder erfunden ist, ebensowenig spielt diese Frage im Theater eine Rolle. Ein paar durchlöcherte Socken haben nicht weniger Macht uns in ihren Bann zu ziehen als zwei schwarze Stiefel, die vergeblich in eine Opernsängerin verliebt sind und dabei alt und grau werden.

Staffan Westerberg hat Strindbergs düsteres Traumspiel in einen aufregenden Kindertraum verwandelt, und so viel Figuren, Bilder, ja selbst Dialoge er auch von Strindberg entlehnt haben mag, in Greet Vissers Inszenierung erkennt man das erwachsene Vorbild kaum wieder, so heiter und lustvoll wird hier gespielt. Aber niemals geht der Bezug zur Realität der Kinder verloren. Herrlich die Regieeinfälle, schön das völlig unangestrengte selbstverständliche Spiel der Schauspieler. Hier wird keine hehre, abgerückte Kunst gemacht. Immer wieder durchbricht das Spiel die Fiktion. Ob es der Haarföhn des Engels ist, der Hamburger oder ein lapidar ausgesprochenes Wort, wir fallen plötzlich in die Wirklichkeit. Weniger überzeugt die Auflösung des Spiels, wenn die Schauspieler ihre Kostüme ablegen, um nun alles noch einmal in anderer Rollenverteilung zu spielen. Das ist zu ausgedacht und offensichtlich der Versuch, zu einem freundlicheren Schluß zu finden als vom Autor vorgesehen. Aber welcher Traum läßt sich schon durch sein Ende widerlegen!

Ingrid Hentschel für die Auswahlkommission

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