Augenblick mal! 1993

Dienstag, 27. April 1993 | GRIPS Theater

Theater Pfütze, Nürnberg
Flammenpflücker
Ensemblearbeit
Rechte beim Theater
ab 8 Jahren | 60 Minuten

Regie: Marcelo Diaz
Dramaturgie: Bärbel Schwesig
Darsteller*innen: Jürgen Decke, Christine Hapig, Christof Lappler, Cordelia Schuster
Co-Regie: Christian Schidlowsky
Raum: Andreas Wagner

Inhalt:

[Das Stück] ist aus Improvisationen entstanden in einer Entwicklungs- oder Suchzeit von einem halben Jahr, z.Tl. mit Marcelo Diaz, z.Tl. ohne ihn. Es gibt keine durchgehende Geschichte. Das Thema ist Kinderleben aus verschiedenen Blickwinkeln, zugespitzte, stilisierte Situationen. Da das Stück bilderreich, aber wortarm ist, regt es die Zuschauerphantasie an, selbst mitzuphantasieren. Ein Spiel auf mehreren Ebenen und doch ganz klar. Schwer zu beschreiben, aber gut zu sehen. Es ist ein Experiment, eine gemeinsame Suche, ungewöhnlich und spannend für Kinder wie Erwachsene.

Text des Theaters

Votum:

"Die Kuh heißt Kuh"

Marcelo Diaz gehört zur Zeit zu den einfallsreichsten Regisseuren des Kinder- und Jugendtheaters. Das 'Theater Pfütze', eine Freie Gruppe mit nicht eben üppigem Budget, nahm die Gelegenheit wahr, mit ihm über längere Zeit zusammenzuarbeiten, und hat dabei in jeder Hinsicht profitiert. Der Stil seiner Inszenierungen zwischen Tanztheater und Schauspiel, wortarm und bilderreich, dabei streng choreografiert, kommt dem Ensemble offenbar entgegen. Aus einer Fülle von Improvisationen ist ein Theater-Spiel entstanden, das in die Perspektive hineinführt, aus der heraus Kinder die Welt wahrnehmen. 'Kinderperspektiven' lautete denn auch zunächst der Arbeitstitel. Dabei vermeiden es die Darsteller konsequent, äußerlich so zu tun 'als ob' sie Kinder seien. Nein, sie überzeugen gerade dadurch, daß sie das tun, was Kinder tun. Sie spielen und versuchen, der Logik der Dinge auf die Spur zu kommen. "Die Kuh heißt Kuh, weil sie so aussieht. Der Tisch heißt Tisch, weil..." Das sind dann heitere, humorvolle – für uns Erwachsene auch melancholische – Spiele auf der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen.

Dabei wechselt die Darstellung mühelos zwischen Slapstick und naiver Verfremdung, zwischen chorischem Dada und schönstem Fratzenschneiden. Die 'Pfütze' hat eine kleine überzeugende Form gewählt, die weder Schauspieler noch Zuschauer überfordert, die niemals behauptet mehr zu sein als sie ist. An jedem Punkt wird der Assoziationsreichtum wieder auf den kleinen Bühnenraum zurückbezogen, wo vier Erwachsene sich das Vergnügen machen, Kinder und ihre Fragen ernstzunehmen – und wo wir ihnen zuschauen. Die Inszenierung ist erfrischend authentisch und unterläßt konsequent jede vermeintlich verständnisvolle Kindertümelei, wie wir sie von großen Bühnen häufig gewohnt sind. Das läßt hinweggehen über einige Längen und den nicht immer überzeugenden Einsatz der Musik.

Ingrid Hentschel für die Auswahlkommission

Zurück zum Jahrgang

amateurfetishist.com