Augenblick mal! 1993

Dienstag, 27. April 1993 | carrousel Theater an der Parkaue

Württembergische Landesbühne Esslingen, WLB-Junior
Gretchens Sohn
von Wilfrid Grote
Verlag Medienedition, München
ab 12 Jahren | 135 Minuten

Regie: Tatjana Rese
Ausstattung: Petra Durchholz
Dramaturgie: Tristan Berger
Musik: Wolfgang Windisch
Darsteller*innen: Stefan Bastians (Valentin, Teufel, Peneios, Euphorion, Soldat), Beatrix Doderer (Baukis, Anarchist, General, Mädchen, Helena), Cornelia Marx (Mephisto, Engel, Chiron, Mädchen), Jochen Neupert (Faust, Herrgott, Oremus, Kanzler, Heraklit), Michael Scherff (Heinrich), Claus Peter Seifert (Philemon, Teufel, Homonculus, Soldat), Gudrun Skupin (Gretchen, Ariel, Kaiser, Mädchen)

Inhalt:

Was wäre, wenn der berühmten Tragödie erster Teil mit einer Rettung enden würde? Wenn Gretchens Sohn Heinrich junior von Philomen und Baucis – den weisen Alten aus Faust II – aus dem Teich gefischt und großgezogen worden wäre? Vermutlich würde sich dieser Heinrich junior eines Tages auf die Suche nach seinen richtigen Eltern machen. Und vermutlich würde er erfahren, daß seine unglückselige Mutter als Kindsmörderin auf dem Schafott verbrannt ist und sein Vater... – sein Vater als berühmt-berüchtigter Abenteurer mit einem unheilvollen Gesellen durch die alte und neue Weltgeschichte geistert. Wilfrid Grotes neuestes Stück ist eine Variante auf Goethes Faust II: Heinrich junior – von Philomen und Baucis gerettet – erfährt an seinem 16. Geburtstag die Wahrheit über seine Herkunft. Er verläßt seine Zieheltern und macht sich auf die Suche nach dem richtigen Vater. Auf dessen Spuren durchwandert er nun noch einmal all die abenteuerlichen Stationen vom Himmel durch die Welt zur Hölle – nur eben 16 Jahre später.

Er findet sich in den kaiserlichen Gärten wieder, wirft sich dem Luftgeist Ariel in die Arme, erfährt von den zarten Wonnen der ersten Liebe, reitet auf dem Rücken des Kentauren zur schönen Helena, schlägt sich durch Schlachtfelder, Flammenlabyrinthe und Walpurgisnächte – um am Ende wieder dort anzukommen, von wo er aufgebrochen ist. Nur, daß er sich und die Eltern nunmehr mit anderen Augen sieht. Das Ziel der Reise ist nicht der Vater, sondern er selbst... In kraftvollen poetischen Bildern beschreibt Wilfrid Grote die Sehnsucht eines Jungen nach seinem Vater, die ihn in eine märchenhafte Reise durch Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Zukunft treibt.

Votum:

Auf der Suche nach dem leiblichen Vater

Im hellen Halbrund, das Petra Durchholz als theatralische Metapher, umhüllend gleichsam wie bedrängend, auf der Bühne installiert hat, erstehen Gestalten aus dem Goetheschen Faust in heutiger, expressiv-verzerrter Weise. Wilfrid Grote erzählt seine Sicht auf diesen gewaltigen Stoff, erzählt die Geschichte von Heinrich junior, dem Sohn von Gretchen und Faust. Philemon und Baucis fischten einst das Kind aus dem Teich, der ihm zum Ertrinken bestimmt war, zogen es auf. An seinem 16. Geburtstag geben sie sich ihm als Zieheltern zu erkennen. Konfrontiert mit dieser kaum faßbaren Wahrheit, begibt sich Heinrich auf die Suche nach dem leiblichen Vater, der Mutter, nach der eigenen Identität. Es beginnt eine Odyssee aus leidvollen Erfahrungen, bitteren Erkenntnissen, verzweifelten Ausbrüchen. Beginnt ein Aufschrei, der im Verstummen endet: Mit einem Gameboy in der Hand, nimmt ein in sich gekehrter, autistischer Heinrich nicht mehr wahr, daß die Welt um ihn herum brennt. Er weiß es schon längst. Dieses Schlußbild ist erschütternder Augenblick einer Inszenierung, die der karg anmutenden, partiell konstruiert wirkenden dramatischen Volage eine vielgestaltige, durch theatralische Erfindungen faszinierende Präsenz verleiht.

Regisseurin Tatjana Rese läßt in dem artifiziellen Kunstraum, der das Prinzip Himmel und Erde, Schöpfung und Niedergang – einer Waagschale gleich – symbolisiert, immer wieder ähnlich spannungsvolle Szenen entstehen. Jede für sich gerät zu einem sinnlichen Versatzstück auf Heinrichs Weg der Erkenntnis, zu einem Bestandteil der Chronologie erschütternder Begegnungen. Faust, Synonym für jene unruhige, umwälzende schöpferische Kraft, die einst antrat, die Welt zu verändern, ihr die Utopie von Schönheit und Lebbarkeit aufzupfropfen, hinterläßt dem Sohn in dieser Inszenierung ein Abbild der Zerstörung. Getrieben von einem suchenden Schritt zum nächsten, zerbricht der Sohn am Vater. Michael Scherff deckt die Wachheit und Sensibilität Heinrichs immer mehr mit der Maske des Verweigerers zu. Der hoffnungsvoll, sehnsüchtig Suchende wandelt sich zum Nihilisten. Als er schließlich dem Vater gegenübersteht, tut es nicht mehr not, den zu erkennen.

Regie und Darsteller behaupten die Figur des Heinrichs in der Konsequenz ihres emotionalen Anspruchs, in der Unabdingbarkeit der gestellten Fragen, solidarisieren sich mit einer Generation, die gleich Heinrich angetreten ist, zu hinterfragen. Gnadenlos fallen die Antworten aus. Von dieser Welt ist nichts mehr zu erwarten! Homunculus zeigt sich Heinrich als blessiertes, von Binden umwickeltes, deformiertes Wesen, unfähig, jemals die eigene Existenz zu entfalten; die klischeehaft-schöne Helena beweint, wohl drapiert, den toten Sohn Euphorion, erstarrt in der Pose der Leblosigkeit; und der Kaiser degeneriert zu einem manipulierbaren Objekt, ist nicht mehr als eine Puppe aus dem Fundus des Kaspertheaters. Die Esslinger Inszenierung wirkt wie ein theatralischer Entwurf über Ausweglosigkeit, über den einsamen Weg, der sich Erwachsenwerden nennt. Sieben SchauspielerInnen, die hier in nahezu 30 Rollen zu sehen sind, nehmen sich damit eines Themas an, das wohl wie kaum ein anderes auf die Bühne des Kinder- und Jugendtheaters gehört. "Wilfrid Grote hat mit 'Gretchens Sohn' nichts weniger als die gesamte Welt vor uns ausgebreitet, in der ein junger Mann seinen Vater sucht. Und sind wir nicht alle Suchende in einer unübersichtlicher werdenden, erschütterten Welt?"

Silvia Brendenal für die Auswahlkommission

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