Augenblick mal! 1993

Montag, 26. April 1993 | Podewil

Freie Kammerspiele Magdeburg
Krankheit der Jugend
von Ferdinand Bruckner
Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH, Berlin
ab 16 Jahren | 90 Minuten

Regie: Axel Richter
Ausstattung: Klaus Noack
Dramaturgie: Doris Tschierschky
Darsteller*innen: Susanne Bard (Irene), Jörg Dathe (Petrell), Kristin Giertler (Lucy), Michael Günther (Freder), Franziska Ritter (Desiree), Michaela Winterstein (Marie), Mirko Zschocke (Alt)

Inhalt:

Der Raum ist schmal: Durchgangszimmer in einer Wiener Pension. Medizinstudenten 1923. Draußen ist Umbruchzeit: die zwanziger Jahre, in denen die Maßgaben des Neunzehnten Jahrhunderts nach Krieg und Revolution endgültig zusammenbrachen. Ferdinand Bruckner beschreibt in seinem Stück ohne Tabus die Befindlichkeit junger Menschen, die der Kindheit entwachsen und noch nicht erwachsen in latenter Todesnähe sich einer am andern zu halten und zu spiegeln suchen, die sich dabei ans Leben gehen, getrieben von ihren Ängsten, Sehnsüchten und Verzweiflung. "Entweder man verbürgerlicht oder man begeht Selbstmord", scheint ihnen der einzige Ausweg. In einer Umbruchzeit wie der unsern viel Spielraum, den eigenen Zustand zu reflektieren, fremd zu sehn und vielleicht betroffen oder vielleicht belustigt Abstand zu gewinnen.

Text des Theaters

Votum:

Reflexionsflächen

"Durchgangszimmer einer Wiener Pension. Medizinstudenten 1923. Draußen ist Umbruchzeit: Die 20er Jahre, in denen die Maßnahmen des 19. Jahrhunderts nach Krieg und Revolution endgültig zusammenbrachen. Bruckner beschreibt in seinem Stück ohne Tabus die Befindlichkeit junger Menschen, die der Kindheit entwachsen und noch nicht erwachsen in latenter Todesnähe sich einer am anderen zu halten und zu spiegeln suchen, die sich dabei ans Leben gehen, getrieben von ihren Ängsten, Sehnsüchten und Verzweiflung. "Entweder man verbürgerlicht oder man begeht Selbstmord", scheint ihnen der einzige Ausweg. Bruckners illusionslose Zustandsschilderung, ohne Therapie-Angebot und Alternativvorschlag, will ein Signal setzen, aus ethischer Verantwortung." (aus dem Programmheft)

Diese lakonisch anmutenden Sätze beschreiben sehr anschaulich den Charakter dieser Inszenierung, deren nüchterner Stil eine merkwürdige Allianz eingeht mit der zynischen Analyse des Stücks. So klagt die Magdeburger Inszenierung an, ohne zu klagen, legt Unsicherheiten, Ziellosigkeit und Haß ohne jedes Pathos unters Brennglas und ermöglicht so dem Zuschauer wahrzunehmen, daß diese beschriebenen Haltungen und Hilflosigkeiten Anzeichen einer heutigen Generation sind, die deutlich Aufforderungen an das gesellschaftliche Gespräch stellt. Und ich meine, daß die Bedrohung einer fragilen demokratischen Gesellschaftsordnung nicht nur von denen mit den Steinen ausgeht, sondern auch und geradezu von denen, die bequem und ohne nachzudenken die Plätze einnehmen, die die Warenwirtschaft ihnen zuweist. Die Inszenierung des Magdeburger Oberspielleiters Richter ist scharfkantig und witzig, sie läßt frei atmen und nötigt keinen ästhetischen Druck auf. Und so ist sie – auf diesem Niveau – Vorbild dafür, wie mit den Mitteln des modernen Theaters und den guten Texten anderer Zeiten Reflexionsflächen für Heutiges hergestellt werden können.

Thomas Lang für die Auswahlkommission

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