Augenblick mal! 1993

Mittwoch, 28. April 1993 | carrousel Theater an der Parkaue - Probebühne

Theater Waidspeicher, Erfurt
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?
von Lars Frank
nach einer Idee von James Krüss
Kinderbuchverlag, Berlin
ab 7 Jahren | 60 Minuten

Regie: Anne Frank
Dramaturgie: Ronald Mernitz
Musik: Fritz Bauer
Darsteller*innen: Lars Frank, Andreas Günther
Szenographie: Anne Frank

Inhalt:

'Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?' Niemand! Wirklich nicht? Ist Angst etwas, wofür man sich schämen muß, das die anderen verlachen müssen? Ist Angst etwas für Kleine? Ist Angst schädlich oder nützlich? Haben wir nicht alle mal Angst? Wie gehen wir nun mit unserer Angst um? Kennen wir sie? Werden Ängste aufbewahrt? Gehütet? Eine Geschichte von James Krüss, dem Autor des 'Tim Taler', 'Hans im Netz' war der gedankliche Auslöser für die Inszenierung. Herr Lars Mordatzky hält vor Kindern einen Vortrag über die Angst. Und damit es nicht so langweilig wird, spielt er seine Erfahrungen mit seiner Angst vor: Wie Lars Mordatzky seine Angst kennenlernte. Es war auf einer Schiffsreise, als er noch ein kleiner Junge war... Die Geschichte ist ganz schön gruselig und man kann schon Angst kriegen, wenn Lars Frank die wahre Geschichte seiner Bühnenfigur Lars Mordatzky mit viel Theaterdonner, Lichteffekten, Spaß aus Beobachtungen im alltäglichen Leben, philosophischem Ernst und kindlich naiven Puppen, die Charakter und Karikatur zugleich sind, vorführt.

Text des Theaters

Votum:

Ist Angst nur etwas für Kleine?

Mit schlecht sitzendem Anzug betritt ein Mann etwas linkisch-verlegen die Bühne, steuert auf das Rednerpult zu, prüft mit verlegenem Griff den Sitz der Krawatte, hebt an zu einem Vortrag... über die Angst. Doch Lars Mordatzky (Lars Frank), von Hause aus Biologe, eingeladen vom 'Liebe Kinder habt Angst e.V.' zu diesem Vortrag, fühlt sich nicht recht wohl in seiner Haut, und er tut das, was vielen in so einer Situation einfallen würde: er schlüpft in eine andere Rolle, beginnt zu spielen. Taucht ein bzw. unter in die Welt der Phantasie, in die Welt jener Figuren, die als Stellvertreter für die eigene Geschichte fungieren. Zu diesem Zweck hat 'er' sich Puppen gebastelt, Mutti, Vati und sich selbst, wandelt er das Rednerpult in die MS 'Völkerfreundschaft', auf der er als Kind einst eine große Schiffsreise mit den Eltern machte. Im Bauch dieses Schiffes begegnete der Junge Lars seiner Angst – in Gestalt des Klabautermanns. Und wie alle Begegnungen dieser Art, ist auch die seine schmerzvoll, erscheinen auch hier die Erfahrungen nach außen hin banaler, als sie tatsächlich sind. Erst als Lars beginnt, seine Angst zu akzeptieren, wird Unvorstellbares für ihn lebbar. Noch heute trägt der Biologe seine 'Angstkiste' mit sich herum, nur wirkt die inzwischen klein, da er größer geworden ist.

Dieser einfach und klar zu erzählenden Geschichte folgt der konzeptionelle Grundgedanke der Inszenierung ebenso klar und unverschnörkelt. Die Macher nähern sich leise und sorgsam einem vertrauten, wohl aber zu selten bedachten psychologischen Phänomen ("Ist denn Angst etwas, wofür man sich schämen muß? Ist Angst nur etwas für Kleine?"), tasten sich mit ihrer Inszenierung sensibel in den Bereich der Verletzbarkeit, des tabuisierten Gefühls. Und dazu nutzen sie auf verblüffend-sinnliche Weise die Kunstmittel, die das Puppentheater bereithält. Entlehnt dem kindlichen Spielverhalten, behandelt Lars Frank die skurril anmutenden Puppen wie Spielzeug, geht mit ihnen ebenso grob und zärtlich um, wie in jedem Kinderzimmer zu beobachten ist. Verleiht ihnen letztlich jene Ventilfunktion, die nicht zu unrecht auf die gemeinsamen Quellen von kindlichem Spiel und Puppenspiel verweist. So, daß die emotionale Wirkung der Inszenierung durch eine Spielweise entsteht, die den attraktiven Einfall nicht braucht, sondern trotz aller Spielerei, trotz all der benutzten parodistischen Elemente immer wahrhaftig bleibt.

Auch die Gestaltung des Bühnenraums, reduziert auf das Rednerpult-Schiff, verzichtet auf jeglichen Effekt. Nur dann, wenn die Angst das Gesicht des Sturms trägt, breitet sich ein blaues, unheilvoll wogendes Tuch über das 'Schiff' aus. Doch selbst in diesem Moment wird der Gestus der theatralischen Vereinbarung behauptet. Spiel heißt der gemeinsame, umumstößliche Nenner. Die 'Sprache' dieser Inszenierung für Menschen ab 7 Jahren verweigert sich jeglicher Anbiederung, verlangt die Seriosität im Umgang mit den artifiziellen Mitteln des (Puppen-)Theaters und dem Thema. Und wenn dann allmählich die Angst der Kinder im Zuschauerraum und die des Schauspielers auf der Bühne schwinden, Akteur und Rezipient sich an jenem Punkt treffen, an dem sich Kunstgenuß der Beschreibung widersetzt, fühlt man sich inmitten eines besonderen Vorgangs. Dann erhält Kindertheater eine Dimension, die verstummen läßt.

Silvia Brendenal für die Auswahlkommission

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