Augenblick mal! 1993

Montag, 26, April 1993 | carrousel Theater an der Parkaue - Probebühne

Kammertheater Neubrandenburg
Zirkus der Kuscheltiere
von Marlis Hirche, Oliver Dassig, Horst Hawemann
Rechte bei Marlis Hirche
ab 6 Jahren | 90 Minuten

Regie: Marlis Hirche, Oliver Dassing, Horst Hawemann
Bühne: Otto Sander Tischbein
Kostüme: Klemens Kühn
Dramaturgie: Marlis Hirche, Oliver Dassing, Horst Hawemann
Musik: Gottfried Rößler
Darsteller*innen: Marlis Hirche (Direttore Rudolfo Gelantini), Oliver Dassing (Assistentin Oliver Krause), Horst Hawemann (Großer Weißer Unbekannter, genannt Struppi oder Kowalski der Spießer, weil zu gern zu Haus!)

Inhalt:

Direttore Rudolfo Gelantini und seine Assistentin Oliver Krause laden zu einem ungewöhnlichen Zirkusprogramm ein: Weggeworfenen, gefundenen, geschenkten Kuscheltieren gehört für 90 Minuten die Arena. In ihr präsentieren sie dem sehr geschätzten Publikum Sensationen, Attraktionen. Aus dem großen, noch in keiner Schaustellung gezeigten Angebot seien hervorgehoben: Adriano, der Schüchterne, gefunden am 23. Juni 1990 auf der Reeperbahn, nachts um halb vier, die Familie Strozetti aus Italien, entrümpelt am 4. Januar 1989, im Schimmelweg, Neubrandenburg, der Koalabär Euca Beuca, gefunden hinter einem Kindergarten in Jerusalem, Mandy und die zauberhafte Miss Molly Brown, aus der Kindheit gerettet.

Text des Theaters

Votum:

Mit dem Publikum gemeinsam spielen

Wenn Kinder Spiel öffentlich aufführen wollen, beginnen sie mit Zirkus. Das ist der Beginn der Wahrnehmung einer Trennung von Zuschauenden und Darstellenden. Da werden Eintrittskarten gemalt und einer ist der Zirkusdirektor und es gibt viel Applaus. Denn wie Zirkus geht, wissen alle. Da gibt es Tiere und Clowns und eine Seiltänzerin und am Anfang wird das Zelt aufgebaut und am Schluß sind alle noch einmal zusammen in der Manege. Das nennt man das Finale. Wenn er, Marlis Hirche, der Zirkusdirektor, und sie, Oliver Dassing, seine Helferin, mit ihren Kuscheltieren Zirkus für Kinder spielen, so spielen sie mit dem Publikum gemeinsam. Jedem zuschauenden Kind geben sie das Gefühl, selbst dabeizusein und den Sprung zu wagen. Oft sind es nur wenige Blicke zum Publikum, die sagen, wir wissen doch alle gemeinsam Bescheid. Die Neubrandenburger lieben die Kinder, für die sie spielen, nicht mehr und nicht weniger. Und sie entwickeln Kinderspiel zu eigenem künstlerischen Ausdruck mit dem Ziel, dem Spiel der Kinder die Würde zu verleihen, die Kinder und ihr Spiel in der Wirklichkeit oft zu missen haben. Sie stehlen es den Kindern nicht, indem sie es nur abbilden und behaupten dann, wie viele Theater, Kinder würden eigenes Spiel gerne wiedererkennen auf der Bühne.

Das gegenwärtige Theater, auch das Kindertheater, hat sich immer wieder dem Zirkus genähert und versucht, dessen Ausdrucksmittel künstlerisch umzusetzen. Ein Versuch, der nie wirklich gelungen scheint. Vielleicht deswegen, weil dem Zirkus Weisheit, Maß und Moral fehlen? Denn die Probleme im Zirkusspiel bestehen doch nur darin, ob der Artist den Sprung schafft oder der Löwe bezähmbar bleibt, gestaunt wird darüber, wie hoch ein Mensch springen kann, gelacht wird, wenn ein anderer auf die Nase fällt, niederen Kitzel spürt man, wenn jemand zu Tode stürzen könnte. Und gejubelt wird, wenn jemand etwas schafft, was man selbst nie schaffen würde. Die Fülle ist das Ziel, nie der Stil, die Schlichtheit, die Abstraktion, die Tiefe. Und doch ist dieses Zirkusspiel verflucht ernst. Denn ein Spiel, das nicht ernst ist, ist kein Spiel. Die Artisten im Zirkus der Kuscheltiere sind Plüschfiguren, und zwar gebrauchte. Und wenn diese, Alfredi, Pawel, Tini oder Paul Müller auf dem Seil tanzen und mancherlei andere Kunststücke 'bestehen', so haben sie Angst und das blanke Entsetzen ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie haben Angst und doch versuchen sie das Unmögliche, die Überwindung der Erdanziehungskraft. Und sie trauen sich das Unmögliche, weil dem Möglichen so schwer zu trauen ist.

Thomas Lang für die Auswahlkommission

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