Augenblick mal! 2003

Dienstag, 6. Mai 2003 | Kulturbrauerei - Kesselhaus

Theater der Jungen Welt Leipzig
Fett frei und fast free
Tanztheatralisches Projekt mit Schauspielern
von Vivienne Newport
nach einer Kurzgeschichte von Ian McEwan
the agency (Ltd), London
Uraufführung
ab 16 Jahren | 80 Minuten

Regie: Vivienne Newport
Ausstattung: Gerhard Roch
Dramaturgie: Marion Firlus
Darsteller*innen: Mirko Brankatschk, Galina Freund, Martina Krompholz, Christian Meier (Schrankmensch), Meike Anna Stock

Inhalt:

Seit der Protagonist dieses Stückes denken kann, verhindert seine Mutter, dass er sprechen, allein essen, selbstständig handeln lernt. Erst als sie einen Mann kennenlernt, gibt sie die Symbiose mit ihrem Sohn auf. Das Riesenbaby lernt gezwungenermaßen all die Fertigkeiten, die als erwachsen gelten. Auf seinem Weg in die unbekannte Außenwelt erlebt es Wechselbilder und -bäder von Tagtraum und knallharter Wirklichkeit. Die international tätige Choreografin und Regisseurin Vivienne Newport, langjährige Protagonistin in Pina Bauschs Tanzensemble, inszenierte diese Geschichte eines Erwachsenwerdens nach der provozierenden Kurzgeschichte von Ian McEwan mit dem Titel 'Gespräch mit einem Schrankmenschen'. Wer kennt sie nicht, diese Sehnsucht nach Unfreiheit? Danach, sich nicht ständig entscheiden zu müssen? Aber gilt das auch für junge Menschen, die sich Unabhängigkeit und Selbstbestimmung auf die Fahnen geschrieben haben?

Votum:

Die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Traum es ist, wieder in die Gebärmutter zurück zu kriechen. Die symbiotische Verbindung zu seiner Mutter hat ihn daran gehindert, allein essen, sprechen und sozial leben zu lernen. Als die Mutter wieder einen Mann kennenlernt, muss er in die Außenwelt hinaus und sich den Anforderungen des Erwachsenenlebens stellen. Dieser Schritt kommt plötzlich und unvermittelt und ist schmerzvoll. Die Figurenzeichnung lenkt unseren Blick ganz ungebrochen auf das subjektive Erleben des jungen Mannes. In starken körperlichen und ritualisierten Bildern, Schlaglichtern und Bewegungsmustern verfolgt die Inszenierung die Reise des Mannes in die feindliche, schnelle und kalte Erwachsenenwelt, in der jede scheinbar noch so selbstverständliche Anforderung an den unbeholfenen Helden zu einer Zumutung wird.

Der tanztheatrale Ansatz schafft durch präzise Körperlichkeit aller darstellenden Bühnenmomente, die über das Erleben des Individuums im gesellschaftlichen Kontext hinausgehen. Systeme wie Familie, Clique und Arbeitsplatz werden in ihrer Regelhaftigkeit gleichzeitig als leer und gewalttätig entlarvt. Dagegen steht das zutiefst subjektive und einsame Ego des Helden, der sich im Labyrinth seiner eigenen Wahrnehmung verirrt. Sehnsuchtspunkt bleibt die Rückkehr in den mütterlichen Schoß, dem im Verlauf der Geschichte ein Backofen zugeordnet wird. Dieser bietet der Geschichte den dramaturgischen Wendepunkt, an dem sich der Protagonist deutlich und zerstörerisch gegen die eigene Unterdrückung wehrt und mit dieser Tat gleichzeitig seine verlorenen Relationen zu Anforderungen der Umwelt manifestiert. Sämtliche Spieler agieren präzise und kraftvoll in einer Bilderwelt, die von Wiederholungen, Assoziationen und Verdoppelungen der Figuren geradezu strotzt. Dies ist ein Experiment mit der Zeitgeistästhetik der schnellen Schnitte und der Zitate aus Pop- und Filmkultur, die den Zuschauern einen reizvollen Zugang zu dem im Grunde tiefenpsychologischen Drama eröffnet.

Eine spannende, sicher auch streitbare Inszenierung, die eine handwerklich ausgefeilte Kombination von Schauspiel und Tanztheater wagt. Und doch auch die liebevolle Wegbegleitung eines jungen Menschen, der vor Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies vergeht. Die Inszenierung ist thematisch am Puls der Zeit. Sie treibt das Thema zunehmender Überbehütung von Aufwachsenden auf die Spitze. Und benennt die andere Seite der Medaille, die narzisstische Selbstbefriedigung der Erziehenden, als Ursache dafür. In stark polarisierenden und schmerzvollen Überzeichnungen wird die Einsamkeit der so benutzten Aufwachsenden freigelegt, die folgerichtig am Weg des Erwachsenwerdens scheitern.

Franziska Steiof

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