Augenblick mal! 2013

Dienstag, 23. April 2013 | Theater an der Parkaue - Bühne 2

Junges Schauspielhaus Hamburg
Alice im Wunderland
übersetzt von Christian Enzensberger
in einer Fassung von Barbara Bürk
nach Lewis Carroll
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
ab 8 Jahren | 90 Minuten

Regie: Barbara Bürk
Musikleitung: Clemens Sienknecht
Ausstattung: Anke Grot
Bühne: Anke Grot
Kostüme: Anke Grot
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Musik: Clemens Sienknecht
Darsteller*innen: Hermann Book (Eule, Hutmacher, Erzähler), Angelina Häntsch (Alice), Jonathan Müller (Dodo, Raupe, Hase, König), Christine Ochsenhofer (Schwester, Lama, Königin, Katze), Florens Schmidt (Maus, Haselmaus, Soldat), Clemens Sienknecht (Musik, Erzähler, Kaninchen, Ritter)
Musiker*innen: Clemens Sienknecht

Inhalt:

Alice liegt auf einer Wiese und langweilt sich furchtbar. Fast schon im Halbschlaf begegnet sie einem weißen Kaninchen, das sie in eine neue Welt entführt, in der auch Alice sich verändert. Plötzlich fragt sie sich: Wer bin ich? Ich wachse ständig und werde dauernd etwas anderes. Ist Rom die Hauptstadt von Helsinki?

Das Wohnzimmer, eben noch heimelig mit Teppich und Gardine, verwandelt sich: Es wird zur dunklen Höhle, zum Sound-Studio und zur moosbewachsenen Steinlandschaft. In diesem Raum ist alles möglich, er wird zur Bühne für die seltsamsten Wesen: Alice wundert sich nicht, als sich eine riesige grüne Raupe hereinwälzt. Ein Baby, das sich in ein Ferkel verwandelt, macht sie ebenso wenig stutzig wie die Herzkönigin, die Alice köpfen lassen will und sie dann doch lieber zum Crocketspielen einlädt. Realitäten verschieben sich, aus Klein wird Groß, aus Groß wird Klein. Wörter verlieren ihren Sinn und Regeln werden verdreht.

Die Inszenierung sprüht vor Komik und Musikalität, in Alices Wunderland wird zu Pop und Schlager getanzt, Wecker klingeln im Chor und immer neue Bildwelten nehmen die Zuschauer mit in ein aberwitziges, bizarres Reich.

Votum:

Wenn das Theater einem seine Träume erzählt, hört man besser mit gespitzten Ohren zu. Und hält die Augen dabei nur gut offen. Man will schließlich lieber nichts verpassen von den Zuckerkuchenfinten, Schaumschlägern und Märzhasen, die einem hier begegnen können. Nun sind die Träume von Alice bei ihrem nachmittäglichen Sturz ins Wunderland nicht neu und dem Theater gehören sie ja genau genommen auch nicht. Aber die besten Geschichten sind eben glücklicherweise zeitlos und werden, wenn es gut läuft, zu einem Teil unseres Lebens, der nicht mehr nach Namen und Premierenorten fragt. Sondern Grinsekatzen und neurotischen Herzköniginnen ein warmes Zuhause in unserer Fantasie einrichtet.

Das Junge Schauspielhaus Hamburg hat sich der altbekannten Schalk- und Schabernackattacke von Lewis Carroll angenommen, die ja erwiesenermaßen immer noch ein mehr als ernstzunehmender Publikumsgarant im Theater für das wachsende Publikum ist. Und sich daher gerne als 'sichere Nummer' verdingen muss. Regisseurin Barbara Bürk hat sich mit ihrer Inszenierung, für die sie auch die Bühnenfassung erarbeitete, allerdings nicht auf das Netz von drolligen Gesellen und vertrauten Liebenswürdigkeiten verlassen, das oft zu schnell gezimmerten Adaptionen führt.

Klug und behutsam nimmt die Hamburger Inszenierung den alten Dampfer auseinander und montiert ihn eigensinnig auf der Bühne wieder zusammen. Präzise denkt man hier die Erzählmöglichkeiten des klassischen Theaters für ein junges Publikum weiter, öffnet den Spielraum und besinnt sich dennoch stets auf die Darstellungstraditionen, die das Theater bis heute geformt haben. Ohne dabei allerdings zur bloßen Denkmalpflege zu werden. Behände stellt man hier Carrolls absurdes Geschichtentreiben noch einmal auf den Kopf, kommentiert und karikiert, gibt dem bekannten Zehnkampf von Logik und Unsinn seinen ganz eigenen musikalischen Rhythmus. Sehr zum Wohl der Vorlage und natürlich des Publikums, dem man diese prächtige Spinnerei ja schließlich mit auf den Weg in den Alltag gibt.

Bernd Mand, Kurator

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