Augenblick mal! 2013

Freitag, 26. April 2013 | Deutsche Oper Berlin - Tischlerei

Unusual Symptoms / Samir Akika & Johannes Fundermann
Young & Furious
von Samir Akika und Johannes Fundermann
Eigenentwicklung
Rechte bei den Autoren
Uraufführung
in Koproduktion mit Passerelle vzw (Belgien) und dem Theater im Pumpenhaus, Münster
ab 14 Jahren | 110 Minuten

Regie: Samir Akika und Johannes Fundermann
Bühne: Stefan Schönfeld und Tilo Schreieck
Dramaturgie: Gregor Runge
Musik: Umut Abaci, Martin Basman
Darsteller*innen: Joke Depreitere, Sara Ranjana Häuser, Thijs Lambert, Paul Oldenburg, Zehra Proch, Robin Vanden Bussche, Liesbeth Van Der Bauwhede, Milena Weber
Musiker*innen: Martin Basman
Technik: Tilo Schreieck
Licht: Stefan Schönfeldt, Tilo Schreieck
Produktionsleitung Belgien: Pol Coussement (Belgien); Alexandra Morales, Gregor Runge (Deutschland)

Inhalt:

Ein Boxsack, eine junge Frau und ein DJ auf der Bühne. Zuckende Körper, die sich zu Technobeats bewegen. Eine Geschichte über den eigenen Großvater, den man nie kennengelernt hat. Paare, die sich umarmen. Gemeinsames Klopapier-Essen, Bier trinken und rauchen. Was brauche ich, um mich jung zu fühlen? Wieviel herrlichen Blödsinn, wieviel Anarchie und wieviele Grenzen prägen das Jungsein? "We all want to be someone special" – es geht nicht darum, sich anzupassen oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern so viel wie möglich auszuprobieren.

Acht junge Menschen aus Belgien und Deutschland stellen sich und ihr Lebensgefühl in einem Reigen aus verrückten Geschichten, mitreißenden Tanzsequenzen und rituellen Spielen vor. Ihre Sehnsucht nach Rückzug und Gemeinschaft gleichermaßen bestimmt das körperliche Anziehen und Abstoßen. Es entsteht ein vielsprachiges Panorama aus inneren Stimmen und äußeren Zuschreibungen.

Votum:

Große Sehnsucht, aufgestaute Wut, etwas Unsicherheit und viel Mut sind einige der Begleiter für ein Tanztheater-projekt, in dem sich acht junge Akteure aus Belgien und Deutschland zwischen Ausbruch und Zusammenbruch mit ihrem Blick auf unsere Gesellschaft bewegen. Schonungslos konfrontieren sie sich mit Patchworkfamilien, Aufmerksam-keitswahn, Befindlichkeiten und gesellschaftlichen Widerständen. Immer den Alltag im Visier, entstehen Erzählstränge mit fiktiven Geschichten und historischen Splittern, die einen Kommentar zu unserer Zeit abgeben: Al Gores Engagement für den Klimaschutz erhält den Stempel 'eitel', Klonschaf Dolly dagegen posthum eine ironische Würdigung, und bedrohten Delfinen soll mit einem Spendenaufruf geholfen werden. Dazwischen fliegen Kuschel-tiere durch die Luft, stehen Vampirwitze ganz oben in der Aufmerksamkeitskurve und Elvis Presleys 'In the Ghetto' wird natürlich mit Vibrato geschmettert. In Verbindung zum ebenfalls a capella gesungenen 'Someone like you' von Adele öffnen sich weitere Gefühlskammern in eine Welt des Erwachsenwerdens, die das Bedürfnis zusammenzuleben und nicht allein gelassen zu werden in den Zuschauerraum hineintragen.

Dieses Panorama, das durch acht jugendliche Stimmen entsteht, alle in einem Alter, in dem man sich fragt, was man im Leben will, ist roh und ehrlich und spielt mit sich selbst, um etwas über sich herauszufinden: 'We promise to everybody that we want to respect ourselves. '

'Young & Furious' wurde durch den mehrfach ausgezeichneten Choreografen Samir Akika und den Münsteraner Nachwuchsregisseur Johannes Fundermann entwickelt und markiert die erste Zusammenarbeit zweier unkonventioneller Theatermacher: In der internationalen Sprache des Tanzes werden Themen wie Politik, Ökologie und zwischenmenschliche Beziehungen aufgegriffen, die sich wie ein roter Faden durch das Stück ziehen. Eine durchgehende Handlung gibt es dabei jedoch nicht. Mit der Suche nach sich selbst und mit der Ungewissheit, die mit dem Erwachsenwerden einhergeht, erlebt der Zuschauer zwei Stunden lang wildes und chaotisches Tanztheater. Tanz als Lebensphilosophie und Überlebensstrategie.

Heike Albrecht, Kurator

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