Augenblick mal! 2015

Sonntag, 26. April 2015 | Theater an der Parkaue - Bühne 2

Anna Konjetzky
||: Ein Bein hier und ein Bein dort: ||
Rechte bei der Choreografin
in Koproduktion mit dem Think Big! Festival, München
ab 8 Jahren | 50 Minuten

Bühne: Anna Konjetzky
Choreografie: Anna Konjetzky
Musik: Eric Thielemans
Tänzer*innen: Viviana Defazio, Sahra Huby, Quindell Orton, Samuel Geller, Tim Gerhards, Damiaan Veens
Video: Canan Yilmaz
Licht: Barbara Westernach
Produktionsleitung: Laura Martegani

Inhalt:

Ein Kind kommt an. Im Irgendwo. Ist es eine Stadt? Eine Insel? Oder eine Phantasiewelt, die nur im Kopf des Kindes existiert und zu der die Zuschauer/innen mitreisen? Es ist ein Ort, an dem Monster wohnen – gute wie böse – ein Ort, der Heimat und Trost bedeutet. Das Kind erinnert sich an zuhause, an das, was früher war, und bewegt sich mutig in die Zukunft. Es begegnet Menschen und erlebt Fremdheit und Geborgenheit, es lernt, sich gegen andere zu wehren, auszuweichen, Kontrolle auszuüben und sich im nächsten Moment voller Vertrauen in die Arme eines anderen fallen zu lassen. Fünf Tänzerinnen und Tänzer begleiten das Kind auf seiner Reise, sie sind mal Freunde, mal Erwachsene, mal der Stadtverkehr oder rollende Objekte, die den Bewegungsraum des Kindes immer wieder verändern.

||:Ein Bein hier und ein Bein dort:|| ist inspiriert vom Kinderbuchklassiker Wo die wilden Kerle wohnen von Maurice Sendak. Die Inszenierung zeigt die innere Welt eines Kindes, das sich einer unbekannten Situation aussetzt. Es erlebt Freude, Trauer und Wut als Gefühle, die sich in ständiger Dynamik befinden. Der Tanz als Vorwärtsbewegung, die Veränderungen herbeiführt, ist das perfekte Mittel, um Turbulenzen und die Suche nach Stabilität auszudrücken. Dabei lassen die Tänzer/innen dem Kind viel Raum, sie sind Verbündete, die ihm den Weg bereiten: Das Kind darf auf ihnen klettern, es wird von ihnen getragen und aufgefangen, aber auch immer wieder zur Bewegung angeregt. Ein Zusammenspiel, das die Utopie eines respektvollen Zusammenlebens von Erwachsenen und Kindern aufscheinen lässt.

Anna Konjetzky kreiert seit 2005 Tanzstücke und Tanz-Installationen, die immer geprägt sind von einer Auseinandersetzung und Gestaltung des Raums. Ihre Arbeiten wurden in München, Potsdam, Brüssel, Kampala, Nairobi, Hanoi, Istanbul und Salzburg gezeigt. 2012 war sie zur Tanzplattform Deutschland eingeladen. 2014 erhielt Anna Konjetzky den Förderpreis Tanz der Landeshauptstadt München. Das Think Big! Festival fand im Oktober 2014 zum dritten Mal in München statt. Es zeigt internationale Arbeiten aus Tanz und Performance für ein junges Publikum

Votum:

Wie kriegt man ein ganzes Publikum in den Kopf eines Kindes? Anna Konjetzky weiß, wie das geht. Ihr Kunstgriff ist einfach und wirkungsvoll. Sie schickt mit ihrem fünfköpfigen Tanzensemble ein Kind auf die Bühne, einen Jungen. Der steht öfter abseits und beobachtet die anderen und nimmt so das Publikum mit in seine Perspektive.

Im Kopf des Kindes wohnen seine Vergangenheit und seine Gegenwart, ein Dort und ein Hier. Das heimatliche Städtchen, erst vertraut, dann zerstört; eine neue Umgebung mit fremden Menschen, interessant, zuweilen beängstigend. Dazwischen die Flucht über Land und durch Wasser. Ein Unterschlupf nach dem anderen bricht zusammen, Körper liegen herum.

Konjetzky führt mit traumwandlerischer Sicherheit und sogar Leichtigkeit eine Vielzahl künstlerischer Mittel zusammen, um dieses Konglomerat zu erzählen. Sätze des Kindes, geflüstert aus dem Off, die von seiner Befindlichkeit zeugen, aktuell oder erinnernd; auf großer Projektionsfläche Fotos, Malerei, Zeichnungen, auch animiert, schwarzweiß und farbig, erzählend, oder abstrakt atmosphärisch; eine treibende, die Szenen unterschiedlich rhythmisierende Musik; und vor allem: ihre eigenwillige Choreographie-Sprache: Die Tänzer/innen, hier eher Körperdarsteller/innen, geben Personen wieder, aber auch Gebäude, Landschaft, Spielgerät. Auch sie bauen Bilder.

Das Kind mischt sich zwar immer wieder mit ihnen, aber es allein bleibt immer bei sich, und wir bleiben bei ihm. Am Ende erscheint es einigermaßen 'integriert' im Hier. Anna Konjetzky erzählt aber seine zusammengesetzte Identität — ein Schicksal, das Last sein kann und Reichtum und das das Kind sein Leben lang prägen wird. Mit all ihrer so sichtbaren Kunstfertigkeit schafft Anna Konjetzky etwas ganz Innerliches: pure Empathie.

Dirk Fröse, Kurator

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