Augenblick mal! 2015

Dienstag, 21. April 2015 | Theater an der Parkaue - Bühne 2

Theater der Jungen Welt Leipzig
2 Uhr 14
von David Paquet
aus dem Frankokanadischen übersetzt von Frank Weigand
Alle Rechte der deutschen Übersetzung bei Frank Weigand
Deutsche Erstaufführung
ab 14 Jahren | 80 Minuten

Regie: Ronny Jakubaschk
Ausstattung: Vera Koch
Bühne: Vera Koch
Kostüme: Vera Koch
Dramaturgie: Lars Krüger
Musik: Bastian Bandt
Darsteller*innen: Elisabeth Fues (Pascale), Katja Göhler (Jade), Martin Klemm (Charles), Kevin Körber (Berthier), Sven Reese (Denis), Matthias Walter (Francois), Anna-Lena Zühlke (Katrina)
Technische Leitung: Steffen Wieser
Bühnenmeister: Sven Theile
Licht: René Hei
Theaterpädagogik: Sarah Eger

Inhalt:

Ein Junge verliebt sich in eine 77-jährige Frau, die Wodka mag. Ein Mädchen isst Würmer, um endlich abzunehmen. Ein weiterer Junge spielt, blind zu sein, um von anderen Menschen wahrgenommen und berührt zu werden. Ein Lehrer hat einen sandigen Geschmack im Mund und fragt sich, was er in seinem Leben ändern soll. Ein weiteres Mädchen lässt sich ein Tattoo stechen, das am nächsten Morgen plötzlich anders aussieht. Sie alle suchen nach Erfüllung und Veränderung in ihrem Leben. Mutig und lustvoll stellen sie sich allen Widrigkeiten, sie wagen sich ins Unbekannte, der Wendepunkt scheint zum Greifen nah. Dann zeigt die Uhr 2:14 und die Lebensfäden der Figuren werden gewaltsam abgeschnitten. Am Ende überwiegt jedoch nicht der Schock des plötzlichen Todes, sondern die Erinnerung an fünf Menschen, die ihr Leben umgestalten wollten. Das ist die Qualität im Text von David Paquet: Er verharrt nicht in der Fassungslosigkeit über die Tat, noch versucht er die Gründe dafür aufzudecken. Er fokussiert auf das Leben der Opfer vor der Tat.

2 Uhr 14 ist in der diesjährigen Auswahl zu Augenblick mal! die einzige Inszenierung, die auf einer Stückvorlage beruht. Diese besticht durch die Spannung, die in der schrittweisen Entwicklung der einzelnen Geschichten liegt. Jede Figur bietet Identifikationspotenzial, erlaubt sich aber auch einen hoch ironischen Blick auf die eigene verfahrene Situation. Das Stück ist eine Tragikomödie im besten Sinne, es zeigt die sympathischen Unzulänglichkeiten der Menschen, die kleinen alltäglichen Katastrophen, die das Leben schwer und zugleich intensiv machen. Im Angesicht des Todes sind sie es, die zählen.

Für die Produktion 2 Uhr 14 ist das Theater der Jungen Welt Leipzig im September 2014 mit dem Preis der Jugendjury bei der ersten Ausgabe des Kinder- und Jugendtheaterfestivals WILDWECHSEL am Theater Nordhausen (Thüringen) ausgezeichnet worden.

Ronny Jakubaschk ist seit 2009 als freischaffender Regisseur tätig, unter anderem am Theater Basel, Schauspiel Frankfurt, Maxim Gorki Theater Berlin und an der Oper Dortmund.

Das Theater der Jungen Welt Leipzig ist das älteste deutsche Kinder- und Jugendtheater, es feiert 2016 sein 70-jähriges Jubiläum: 1946 wurde es im Auftrag der sowjetischen Militäradministration gegründet und mit Emil und die Detektive eröffnet. Mit seinem spartenübergreifenden Programm für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien und rund 700 Vorstellungen pro Spielzeit ist es der meistspielende Kulturbetrieb der Stadt.

Votum:

Man kann das Bühnenbild von Ronny Jakubaschks Inszenierung gleich wörtlich nehmen. Mit diesen Leuten, mit dieser Gesellschaft geht es bergab. Die Schauspieler/innen kommen aus engen Metallspinden, stürzen eine wie eine Halfpipe abschüssige Rennbahnbühne herunter - und sind da unten gleich auch von drei Seiten von Fremden (dem Publikum) umgeben.

Es gibt eh nichts zu retten, der Amoklauf ist schon passiert. Es wird aber nicht von der katastrophalen Tat erzählt, sondern von dem Leben, das die Opfer zu diesem Zeitpunkt hatten.

Die Inszenierung verhält sich kongenial zu den dichten, symbolgeladenen, rabiat formulierten und knapp ineinander geschnittenen Szenen des Dramatikers David Paquet und ihrem grimmigen Humor. So ist auch ihr Blick auf die Figuren eher neugierig und kritisch. Die Regie und ein glänzend eingespieltes Ensemble arbeiten lustvoll und gnadenlos Pointen aus dem bissigen Text heraus und in ihn hinein.

Die mitleidsfreie Erzählung vom und nach dem Schrecklichen, vorgetragen ganz dicht am Publikum, stellt umso bohrendere Fragen. Wie haben die Leute gelebt? Warum haben die sich so wenig füreinander interessiert, miteinander geredet, einander vertraut, geholfen? War da nicht noch Hoffnung? Sie haben doch alle ihre Ausbruchsversuche unternommen. Nur bei einem war das der Griff zur Waffe. Zum Glück leben wir alle ganz anders. Oder.

Dirk Fröse, Kurator

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