Augenblick mal! 2015

Donnerstag, 23. April 2015 | Theater an der Parkaue - Bühne 2

Junges Staatstheater, Braunschweig
35 Kilo Hoffnung
nach dem gleichnamigen Roman von Anna Gavalda und der Bühnenfassung von Petra Wüllenweber
Theaterstückverlag Brigitte Korn-Wimmer & Franz Wimmer, München
ab 9 Jahren | 70 Minuten

Regie: Martin Grünheit
Musikleitung: Frieder Hepting
Bühne: Imke Paulick
Kostüme: Imke Paulick
Dramaturgie: Carsten Weber
Darsteller*innen: Nina El Karsheh (Mutter, Psychologin), Marko Werner/ Nikolaij Janocha (Vater, David), Ralph Kinkel
Video: Esther Jurkiewicz, Gregor Dobiaschowski
Theaterpädagogik: Thiemo Hackel, Anne Hartmann

Inhalt:

Mit drei Jahren und fünf Monaten beginnt für David die Vorschule. Bis zu diesem Zeitpunkt empfand er sein Leben als äußerst glücklich. Vor allem die schönen Besuche bei seinem Großvater, mit dem er getüftelt und gebastelt hat, haben ihn geprägt. Doch in der Schule ist all das, was er gerne tut, nicht gefragt: Anstatt zu malen und Dinge zu erfinden soll er rechnen und schreiben lernen. Und auch noch Sport machen! Jetzt ist David 13 und in der 6. Klasse und nichts hat sich geändert. Die Schule ist ein einziger Albtraum für ihn, ihm werden 'Konzentrationsprobleme' bescheinigt, seine Eltern reagieren mit hilfloser Wut. Als er von der Schule fliegt und sein geliebter Opa ins Krankenhaus kommt, scheint alles verloren. Da nimmt David sein Leben selbst in die Hand. Wie können Erziehung und Bildung gelingen? '35 Kilo Hoffnung' bezieht – ähnlich wie die ebenfalls eingeladene Produktion 'Höhenflug oder warum weinen' – eine Gegenposition zum allgegenwärtigen Optimierungswahn von Kindern und Jugendlichen. Die Inszenierung stellt dabei die Eigeninitiative und das Verantwortungsbewusstsein der Hauptfigur in den Mittelpunkt und beleuchtet den Einfluss von Generationen übergreifenden Beziehungen. Martin Grünheit inszeniert die Geschichte mit großem Ideenreichtum: Die weiße, aseptisch wirkende Bühne will bespielt werden, also fliegen Bälle, Betten fallen aus der Wand, große Bilder werden auf die Rückwand projiziert. Die Schauspieler/innen wechseln permanent die Rollen, dadurch ist das junge Publikum hellwach bei der Geschichte, die emotional und ästhetisch einiges von ihnen abfordert. Das musikalische Leitmotiv sind Lieder mit französischem Text, die den Ausdruck der Gefühle verstärken und eine melancholische Atmosphäre herstellen. Der Regisseur Martin Grünheit ist neben '35 Kilo Hoffnung' mit einer weiteren Produktion, Ein 'Bodybild', bei Augenblick mal! 2015 zu Gast. Das Junge Staatstheater Braunschweig erarbeitet mit seinen fünf festen Schauspieler/ innen jedes Jahr sechs Neuproduktionen. Einen Schwerpunkt im Spielplan bilden Geschichten mit starken Figuren, die sich dem Leben trotz aller Schwierigkeiten mit großer Lust stellen und sich für ein Zusammenleben in der Gesellschaft engagieren.

Votum:

In der Bühnenadaption '35 Kilo Hoffnung' wird der vielfältige Einsatz unterschiedlicher Erzählformen auf allen Inszenierungsebenen zum Prinzip erhoben. Dies beginnt bereits bei der Erzählperspektive: Im permanenten Rollenwechsel jonglieren die drei Schauspieler/innen mit den Figuren der Geschichte. Auch David, die Hauptfigur, ist in unterschiedlichen Verkörperungen zu sehen. So etwas wie Psychologismus oder Bühnenrealismus sucht man hier vergeblich. Trotz der durchgängigen Einfühlungsverweigerung (oder gerade deswegen) besticht die Inszenierung durch eine klare Figurenzeichnung. Zu jeder Zeit sind die Charaktere zu greifen und ihre Entwicklungen, ihr Wollen, Sehnen, Handeln und Hoffen nachzuvollziehen. Nähe entsteht hier durch Distanz.

Mit viel Gespür gelingt es dem Regisseur, die unterschiedlichen Theatermittel und Bedeutungsebenen zu einem großen Ganzen zu fügen. Radikale Stilisierung und Verfremdung treffen auf hoch emotionale Momente. Atmosphären und Stimmungen wechseln leichtfüßig zwischen Humor und traurigem Ernst. Performative Ansätze durchdringen gespielte Situationen. Melancholische Lieder und eine schrill-bunte Kostümparty entfalten sich im klinisch weißen Bühnenraum. Auch die zahlreichen Projektionen bieten einen starken Kontrast, wenn Fotos aus dem Familienalbum und Aufnahmen der Livekamera ineinanderfließen.

Der virtuose Mitteleinsatz gerät dabei nicht zum Selbstzweck. Niemals wird die Geschichte des Schulversagers David verraten. Vielmehr lässt die starke Ästhetisierung eine atmosphärische Dichte und Tiefe mit großen Bildern und Momenten entstehen. Bei aller Künstlichkeit ist die Inszenierung humorvoll, gefühlsstark und nah am Publikum. Die ambitionierte Adaption der Romanvorlage gibt eine neue und sehr überzeugende Antwort auf die Frage, wie sich Inhalt und Form im Kindertheater bedingen können. Martin Grünheits Inszenierung ist eine große Herausforderung an ihr Publikum. Die jungen Zuschauer/innen nehmen diese Herausforderung mit enormem Vergnügen an. 35 Kilo Hoffnung ist avantgardistisches Kindertheater im besten Sinne – das macht wirklich Hoffnung!

Anne Paffenholz, Kuratorin

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