Augenblick mal! 2015

Mittwoch, 22. April 2015 | GRIPS Podewil

Theater Marabu, Bonn
Ein Bodybild
von Sina Sigmund
Rechte beim Theater
Uraufführung
in Kooperation mit cobratheater.cobra
ab 14 Jahren | 60 Minuten

Regie: Martin Grünheit
Bühne: Imke Paulick
Kostüme: Imke Paulick
Darsteller*innen: Laura Schuller

Inhalt:

Unser Körper verändert sich jeden Tag. Wir überprüfen in täglichen Ritualen unser Bild von ihm. Die Performerin Laura Schuller geht auf eine Körper-Erkundungsreise. Sie durchleuchtet sich und die Zuschauer/innen. Eine Projektion ihrer Nase erscheint auf der Leinwand. Sie steigt in ihr eigenes Nasenloch! Das Publikum wird befragt: Welchen Körper wünscht ihr euch? Schon mal Sex gehabt? Der unverfrorene Umgang mit Peinlichkeit ist Teil der Show, Randgruppenwitze inklusive. Die Suche nach zwängenden und sprengenden Körperbildern wird zum aufregenden Erlebnis.

Ein Bodybild ist eine Soloperformance, die in medialen Brüchen und über verschiedene Stimmen die Komplexität des eigenen Körpers auslotet. Dies geschieht mit großer Lust an der sichtbaren Verwandlung von Raum und Figur und dem geschickten Einsatz einer Live-Kamera.

Regisseur Martin Grünheit ist neben Juliane Hahn und Wanja van Suntum Gründer von cobratheater.cobra. Dies ist ein Künstler/innennetzwerk und Label zugleich, das seit 2008 besteht. Zentren der Produktionen sind derzeit Hildesheim und Hamburg, neben Theaterinszenierungen entstehen Kurzfilme, Installationen und Videokunst.

Das Theater Marabu GbR, 1993 von Tina Jücker und Claus Overkamp gegründet, ist ein professionelles freies Theater für junges Publikum mit eigener Spielstätte in dem Kulturzentrum Brotfabrik in Bonn. Bereits 2013 war das Theater Marabu mit zwei Inszenierungen zu Augenblick mal! eingeladen.

Votum:

Jeder Mensch hat ein Körperbild. Das heißt, man hat eine bestimmte Vorstellung vom eigenen Körper. Man hat sie, oder man macht sie – sich – und natürlich auch anderen. Aber nur eine? Oder mehrere? Täglich eine? Stündlich? Auf welche Weise eigentlich? Die Inszenierung Ein Bodybild spielt schon im Titel mit dem Konstruieren des Bildes, dem Bauen, 'to build' auf Englisch, wie in Bodybuilding. Die Schauspielerin Laura Schuller tritt auf die Bühne wie in einen Rahmen: mit sachten Schritten. So sorgfältig geht der junge Regisseur Martin Grünheit mit dem Herzeigen im Theaterraum um, dass die Zuschauer und die Darstellerin darin gut aufgehoben sind. Gemeinsam. Die Nähe, in die auch eine Live-Kamera und spiegelhafte Projektionen einbezogen werden, ist nie peinlich, sondern ein Gewinn. Für die Themen Körper und Geschlechtlichkeit ist das besonders und auch notwendig.

Ein Bodybild spielt das Verwandeln durch, nicht das Fixieren. Auch das Denken, Fühlen, Fragen. Die Schauspielerin beschreibt einen, ihren Körper und sein Tun mit scheinbar eindeutigen, aber widersprüchlichen Merkmalen. Sie kostümiert sich mit Taschenlampe im Slip, mit Schnäuzer, mit Bockshörnern, mit clownshaftem Wangenrouge, mit einem Brautkleid samt künstlichem Rückgrat. Sie erzählt blöde Witze und reale Märchen, sie bombardiert die Zuschauer mit viel zu direkten Fragen, lacht dreckig über Dr.-Sommer-Anfragen, singt versonnen eine Art 'Teddybär-Lied' zum Seilchenspringen, dessen Kommandos in brutaler Erniedrigung enden, und lässt sich selber von einer "Weiter, weiter"-Stimme in den Schwindel treiben.

Die Inszenierung nimmt ihrem Thema eben nicht die Scham, den Schrecken, das Leid; mit ihrer leichtfüßigen Fantasie und der Sprachlust und -wendigkeit in den Texten von Corinna Sigmund kündet sie von Souveränität und Freiheit.

Melanie Suchy, Kuratorin

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