Augenblick mal! 2015

Samstag, 25. April 2015 | Theater an der Parkaue - Bühne 1

JUNGE AKTEURE, Theater Bremen
Kinder | SOLDATEN
von Gernot Grünewald
Rechte beim Autor
Uraufführung
ab 14 Jahren | 80 Minuten

Regie: Gernot Grünewald
Spielleitung: Christiane Renziehausen
Ausstattung: Michael Köpke
Bühne: Michael Köpke
Kostüme: Michael Köpke
Dramaturgie: Sabrina Bohl
Darsteller*innen: Hannah Aulepp, Lilly Rose Barshy, cosi Beez, Paul Bünger, Paris Phillip Deuter, Edin Emeri, Fanny Hilken, Thorge Just, Noah Jonatan Kappe, Rieke Klaßen, Ben Klee, Jeanne Catherine Klöster, Joop Naumann, Luis Nowotny, Carla Anna Njine, René Rönitz

Inhalt:

17 Bremer Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 17 Jahren erforschen die Entstehung von Gewalt und Krieg. Als Stellvertreter/innen von gleichaltrigen Kindersoldaten gehen die Teilnehmer/innen der Kluft zwischen ihrem sicheren und dem äußerst fragilen, bedrohten Leben der Kindersoldaten nach. Beginnend mit der Frage, wie ein Konflikt überhaupt anfängt, lesen sie aus Interviews mit echten Kindersoldaten vor, sie üben marschieren und schießen. Sie lernen afrikanische Gesänge und Tänze. Langsam verschwimmt die Grenze zwischen ihnen, den behütet Aufgewachsenen, und den jungen Kampfmaschinen, die ihnen mit ihren Geschichten immer näher rücken. Sei ein Mann! Töte, um zu überleben! Hör auf zu denken! Du kannst nicht zurück! Wie Maschinengewehrsalven hämmern die Sätze in ihren Köpfen, der Tod wird zum Teil ihres Lebens. Sie stehen vor der Frage: Was müsste passieren, damit ich selbst jemanden töten würde?

Kinder | SOLDATEN ist nicht nur eine äußerst intensive Auseinandersetzung mit dem Thema selbst, sondern auch ein Meisterstück darüber, wie man mit Laien arbeiten kann: über die Distanz einerseits und andererseits die unmittelbare Nähe zum Stoff; über den virtuosen Umgang mit Licht und dem Raum, der anfangs fast klinisch sauber erscheint und am Ende zu einem verwüsteten Kampfplatz wird; schließlich über das ausgeprägte Gespür für Rhythmus, das sich besonders in den chorisch gesprochenen Passagen zeigt.

Gernot Grünewald hat an der Hochschule für Schauspielkunst 'Ernst Busch' studiert und war als Schauspieler u.a. am Deutschen Theater Berlin tätig. 2011 schloss er sein Regiestudium an der Hamburger Theaterakademie ab und arbeitet seitdem als freier Regisseur.

Die Sparte 'Junge Akteure' am Theater Bremen bietet theaterbegeisterten Jugendlichen und Kindern vielfältige Möglichkeiten, das Theaterspielen zu ergründen. Das Erzählen von der Welt, in der sie leben, und die Übersetzung in künstlerischen Ausdruck stehen im Vordergrund. Die Jungen Akteure existieren seit der Spielzeit 2012/2013.

Votum:

Alles in uns brennt. An den Rändern des Spätkapitalismus zeigt sich, wie dünn das Furnier ist, das die Zivilisation zusammenhält. 17 Jugendliche aus Bremen stürzen sich auf die vergessenen Geschichten verschütteter Kriege. Aus dem klinisch sauberen Vektorraum des Theaters wird eine Trümmerlandschaft. Kinder | SOLDATEN ist deshalb herausragend: Es hält – exakt gearbeitet – einer demokratisch verfassten Gesellschaft vor, was sie in ihrem Zynismus verdeckt oder stillschweigend duldet. Die 17 werfen ihre Körper auf der Bühne in eine Schlacht, die sich stets als Windmühlenkampf entpuppt (entpuppen muss?) und in der Erschöpfung endet.

Kinder | SOLDATEN schöpft seine erzählerische Kraft aus der Erkenntnis, dass die revolutionärste Tat bleibt, das laut zu sagen, was ist. Und wo ginge das besser als auf der Bühne? Klug arrangierte Texte wechseln sich ab mit Momenten der Stille. Dieses Dazwischen markiert die Lücken und Leerstellen im System. Die Spieler/innen sezieren über das Erzählen, Dokumentieren und Zumuten den Ausbeutungszusammenhang zwischen den armen und den reichen Ländern. Zurück bleiben die Trümmer, die Toten – auf der Bühne der Verwüstung. Zurück bleibt auch das unwohle Gefühl, dass die Maschine Theater immer wieder an ihre soziale Funktion, Missstände aufzudecken, erinnert werden muss. Kinder | SOLDATEN tut das auf brachiale, stimmgewaltige, widerspenstig körperliche Weise. Ein starker Impuls, ein lauter Herzschlag.

Steffen Moor, Kurator

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