Augenblick mal! 2015

Sonntag, 26. April 2015 | Deutsche Oper Berlin - Tischlerei

Thalia Theater, Hamburg
Räuberhände
in einer Fassung von Michael Müller
nach dem Roman von Finn-Ole Heinrich
Verlag für Kindertheater Weintendorf GmbH, Hamburg
Uraufführung
ab 16 Jahren | 90 Minuten

Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Eva Martin
Darsteller*innen: Patrick Bartsch (Samuel), Sandra Flubacher (Mutter), Sven Schelker (Janik)

Inhalt:

Janik und Samuel sind beste Freunde und lernen gemeinsam fürs Abi. In ihrer Schrebergartenlaube träumen sie von der Zukunft, fernab von ihrem familiären Alltag: Während Samuel, Sohn einer alkoholkranken Mutter, um Normalität ringt, hadert Janik damit, so wohlbehütet und liberal aufzuwachsen. Als seine Faszination für Samuels Mutter in körperliche Nähe umschlägt, droht die Freundschaft der Jungs zu zerbrechen. Und nun? Auf nach Istanbul! Dort könnte man so vieles, zum Beispiel, einen Imbiss eröffnen! Oder doch lieber nach Samuels Vater suchen, der angeblich Türke ist? Ihre Reise in die Türkei erweist sich nach der ersten Freiheitseuphorie als schwieriges Unterfangen. Das Geld geht aus, Samuel wird krank, jeden Tag entsteht Streit. Schmerzhaft wird beiden klar, dass sich ihre Lebensentwürfe nicht mehr gleichen. Die Jungs müssen über ihr Leben und ihre Freundschaft entscheiden.

'Räuberhände' ist wie ein mitreißendes Roadmovie, es handelt von Heimat und Identität und überrascht mit hoch emotionalen Wendepunkten. Die drei Darsteller/innen setzen den gleichnamigen Coming-of-age-Roman auf fulminante Weise um: Mit feinem Gespür für Sprache und Bewegung machen sie den jugendlichen Aufruhr der Gefühle fast körperlich spürbar. Im Kontext der aktuellen Frage, wie die Herkunft unser Sein bestimmt, bekommt die Inszenierung besondere Brisanz. Der Roman 'Räuberhände' des preisgekrönten Autors Finn-Ole Heinrich scheint einen Nerv zu treffen: Mittlerweile ist die Geschichte Prüfungsstoff in Hamburg.

Anne Lenk hat Theaterwissenschaft in Gießen und Regie an der Otto-Falckenberg- Schule in München studiert. Als freie Regisseurin arbeitet sie u.a. am Schauspielhaus Bochum und am Residenztheater München. Das Thalia Theater Hamburg existiert seit 1843 und gilt als eines der renommiertesten Sprechtheater Deutschlands. Es ist sowohl für seine starken Handschriften im zeitgenössischen Regietheater als auch für die Förderung von Autor/innen bekannt. Viele internationale Gastspieleinladungen sowie zahlreiche Auszeichnungen für Schauspieler/innen, Inszenierungen, Regisseur/innen und Bühnenbildner/innen bestätigen die kontinuierliche Arbeit des Thalia Theaters.

Votum:

'Räuberhände' ist die Geschichte einer besonderen Jungsfreundschaft, die auf eine harte Probe gestellt wird. Die Inszenierung findet überzeugende Umsetzungen für die unzähligen Brüche, Zeitsprünge über mehrere Jahre und Ortswechsel zwischen Deutschland und Istanbul. Ohne großen Aufwand springen die Schauspieler und die Schauspielerin zwischen Innen- und Außenwelt der Erzählung hin und her. In rasanten Rückblenden werden frühere Ereignisse nahezu heraufbeschworen, als wenn sie sich im Jetzt ereignen würden. Dramatische Szenen treffen auf monologische Erzählsequenzen. Harte Schnitte trennen die Szenen und rhythmisieren die Inszenierung. Nach und nach setzt sich für das Publikum das Puzzle zusammen, was eigentlich passiert ist, seitdem die Freundschaft der Jungen nicht mehr dieselbe ist.

Das enge Band zwischen Janik und Samuel erzählt sich auf der Bühne vor allem durch ein sehr körperbetontes Spiel. Sie stützen einander, sie tanzen zusammen, sie laufen voreinander davon. Sie schweigen in Eintracht, sie lachen gemeinsam, sie reden aneinander vorbei und schreien sich an. Als ihr Konflikt immer größer wird, lässt sich ihre Nähe nicht mehr herstellen. Man sieht ihnen zu, wie sie um Haltungen ringen und um das Verständnis des anderen kämpfen. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, auch wenn sich das beide wünschen. Ihre Verzweiflung darüber ist nahezu mit Händen zu greifen.

'Räuberhände' ist ein intensiver, berührender Schauspielerabend mit großen Szenen, Dialogen und klar gesetzten Bildern, die einem nahegehen. Regisseurin Anne Lenk gelingt es mit ihrer Bühnenadaption, eine komplexe Geschichte mit all ihren Zwischentönen, Facetten und Tempowechseln überzeugend in Szene zu setzen. Die großen Fragen Heranwachsender werden präzise, ernsthaft, leicht und humorvoll verhandelt: Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Was will ich im Leben? Und wen oder was brauche ich dafür? Dass die Fragen der Figuren im Laufe der Vorstellung zu denen der Zuschauer/innen werden, ist vor allem dem grandiosen Ensemble zu verdanken.

Anne Paffenholz, Kuratorin

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