Augenblick mal! 2015

Mittwoch, 22. April 2015 | Theater an der Parkaue - Bühne 1

Performing Group, Düsseldorf
TRASHedy
Rechte beim Ensemble
Uraufführung
in Koproduktion mit tanzhaus nrw, Düsseldorf
ab 11 Jahren | 50 Minuten

Regie: Leandro Kees
Musik: Bon Iver, Jamie Woon, Ja Panik, Edd Kalehoff, Tom Jobim, Martin Rascher
Darsteller*innen: Leandro Kees, Daniel Mathéus
Stückentwicklung: Leandro Kees, Daniel Mathéus, Martin Rascher
Dramaturgische Mitarbeit: Julia Mota Carvalho
Video und Klangkomposition: Martin Rascher
Zeichnungen: Leandro Kees

Inhalt:

Der moderne Mensch: Er sitzt am Computer oder klebt am Handy, er isst Fastfood und wirft im Laufe seines Lebens unendlich viele Pappbecher weg. Er weiß um die Folgen von Konsum und dessen fatale Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, aber anstatt einfach weniger wegzuschmeißen, beruhigt er sein Gewissen mit simplen Parolen: 'Save the world!' und 'Yes, we can!'. Die beiden Performer wollen es genauer wissen und wühlen sich durch die Komplexität des Themas. Sie brauchen dazu nur ihren Körper, ihre Stimme und eine Leinwand. Virtuos tanzen sie den Alltag des modernen Menschen nach, sie geraten in eine aberwitzige Quizshow, sie legen ihren eigenen Probenprozess offen, indem sie über die Schwierigkeit, nicht belehrend sein zu wollen, sprechen. Am Ende zählt eine Erkenntnis: Alles, was wir tun, hat eine unmittelbare Auswirkung.

Mit herausragend subtilem Humor schafft es Performing Group, dem Thema Konsumverhalten zu Leibe zu rücken. TRASHedy wirft einen unverstellten Blick auf das Thema 'ökologische Intelligenz' und kreiert eine Zukunftsvision, in der die eigene Entscheidungsfreiheit und das Streben nach Glück im Zentrum stehen. Die Vielfalt ihrer Mittel ist dabei höchst beeindruckend: Tanz, animierte Zeichnungen, Tonaufnahmen, Licht, Interaktion mit dem Publikum. TRASHedy ist ein Feuerwerk der Möglichkeiten, die nur das Theater hat.

TRASHedy war Gewinner des Jugendjury-Publikumspreises und des Fachjury-Preises beim Westwind Festival 2013. Die Produktion war als deutsches Gastspiel beim Festival 'Petits et Grands' in Nantes im Rahmen des deutsch-französischen Gastspielaustauschs 'Carte Blanche' eingeladen.

Performing Group ist ein Produktionsensemble mit dem Schwerpunkt auf der Entwicklung neuer Formen von Bühnenwerken, die unübliche Inhalte durch Tanz, Theater, Performance und Video vermitteln. Die Kompanie wurde 2013 gegründet und besteht aus Leandro Kees, Daniel Mathéus, Julia Mota Carvalho und Martin Rascher. Mit dem tanzhaus nrw in Düsseldorf (gegründet 1998) haben sie einen Kooperationspartner, der als Aufführungs-, Produktions- und Fortbildungsort den zeitgenössischen Tanz allen Altersgruppen näher bringt.

Votum:

Wer rettet denn nun die Welt?

Wann haben Sie eigentlich zuletzt die Welt gerettet? Heute morgen beim Duschen, gestern im Supermarkt, oder lassen Sie lieber gleich per Überweisung andere retten? Das geht ja auch. Schließlich ist ja scheinbar an allen Ecken der Erde Not am Mann. Jedenfalls fällt es schwer, nur einen Schritt in den Tag zu wagen, ohne dass einem gleich drei Dutzend globale Missstände entgegenlaufen. Da kann man leicht den Überblick verlieren.

Vom Überblicken, Fragen und Verändern (und vielleicht auch vom Weltretten) handelt die schnell geschnittene Protest-Performance TRASHedy des Produktionsensembles Performing Group. Sie jongliert in knapp einer Stunde Spielzeit mit der ganzen überlebensgroßen Palette von Konsumkritik, Globalisierungsdesastern und Umweltzerstörung, die einen regelmäßig in Schnappatmung versetzen kann.

Ein klug gebautes Stück Performance-Theater, das seine Widerhaken ohne Scheu und scheinbar mühelos ausfährt. Es erzählt viel über den Menschen als aktuellen Zwischenstand der Evolution und hält den Zuschauer/innen und sich selbst dabei stets den Spiegel vor. Wer trägt die Verantwortung an all dem? Welche Meinung ist die richtige, wogegen soll man sich stellen und wofür gefälligst kämpfen? Oder gibt es am Ende gar keinen Weg aus dem Chaos unserer Welt? TRASHedy wirft einen klaren Blick auf die Zusammenhänge unserer Konsumwelt und damit einen noch tieferen Blick in unsere Psyche. Zwischen Ohnmacht und Überforderung stellen sich die Performer mit ihrem schnellen und körperlichen Spiel direkt vor die Windmaschine der üblen Nachrichten und suchen gemeinsam mit den Zuschauer/innen nach den Möglichkeiten eines selbstbestimmten Lebens in einer Welt, die immer stärker von äußeren Einflüssen bestimmt und formatiert wird. Ein politisch motiviertes und zutiefst menschliches Stück Theaterarbeit.

Bernd Mand, Kurator

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