Augenblick mal! 2015

Dienstag, 21. April 2015 | Deutsche Oper Berlin - Tischlerei

Antje Pfundtner in Gesellschaft K3 / Tanzplan Hamburg
nimmer
von und mit Antje Pfundtner
mit Texten aus dem Bilderbuch 'Steinsuppe' von Anäis Vaugelade
Rechte bei der Autorin und alle Rechte der deutschen Übersetzung bei Tobias Scheffel
Uraufführung
in Koproduktion mit Kampnagel Hamburg, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden, FFT Düsseldorf
ab 6 bis 10 Jahren | 55 Minuten

Regie: Antje Pfundtner
Musikleitung: Christoph Grothaus
Ausstattung: Yvonne Marcour
Bühne: Yvonne Marcour
Kostüme: Yvonne Marcour
Choreografie: Antje Pfundtner
Dramaturgie: Anne Kersting
Beratende Funktion: Moos van den Brook

Inhalt:

Was kann alles verschwinden? Eine graue Jacke, Erinnerungen, eine blaue Socke, Ohrringe, Menschen. Manchmal findet man verloren geglaubte Freunde im Internet wieder, sie nennen sich dort anders und wechseln immer wieder ihre Identität. Doch manchmal sind sie auch für immer weg. Wie der Wolf, der die Henne besucht und mit ihr und weiteren Tieren eine Steinsuppe kocht. Am Ende verschwindet auch er. Mitten im kalten Winter. Wenn ein Mensch stirbt, bleibt nur sein Skelett. Helen ist so ein Skelett. Sie mag es, wenn man für sie tanzt oder singt. Dann sind da noch zwei Fellwesen, die sich voneinander verabschieden. Und das Schwein, das auf dem Klavier sitzt: Bleibt es da, bis der letzte Ton verklingt?

Die Inszenierung 'nimmer' ist ein großes Geheimnis, das die Vergänglichkeit des Lebens und der Dinge thematisiert. Antje Pfundtners Bewegungen und ihre Auseinandersetzung mit dem Thema sind von einer konzentrierten Ruhe geprägt, auch wenn auf der Bühne immer neue, seltsame Figuren erscheinen. Als Überraschungsmoment treten zwei Kinder auf – werden auch sie verschwinden?

Antje Pfundtner hat im Vorfeld zahlreiche Kinder und Erwachsene getroffen und sie nach ihren persönlichen Erfahrungen und ihrem Umgang mit dem Verschwinden befragt. Antje Pfundtner arbeitet als Tänzerin und Choreografin, ihre Arbeiten tourten europa- und weltweit. 2012 erhielt sie als erste Choreografin die auf drei Jahre angelegte Konzeptionsförderung der Hamburger Kulturbehörde für ihre Company Gründung 'Antje Pfundtner in Gesellschaft'.

nimmer ist ihr erstes Stück für Kinder – angeregt durch die Initiative von K3, dem Zentrum für Choreografie in Hamburg. Als Ort der künstlerischen Kommunikation und Vernetzung hat K3 seit seiner Gründung 2006 wesentlich zur Entwicklung einer dynamischen und vernetzten Tanzszene in Hamburg beigetragen.

Votum:

'nimmer' nimmt uns mit in gewagte erzählerische und räumliche Konstruktionen, die von Steinsuppen, vom Schaudern, von einem Skelett, von Schnee und verlorenen Socken handeln. In der Gegenwart der Spielerin, in den Bewegungen und Erzählungen, blitzt die Flüchtigkeit auf. 'nimmer' braucht die Geduld der Schauenden: Im musikalisch verdichteten Nebel fällt das Spurenlesen nicht immer leicht, wenn alles was war, was ist, was wird im selben Moment seine fragile Ordnung im Verschwinden offenbart. Beeindruckend konkret, bemerkenswert direkt, beachtlich anders trägt 'nimmer' diese Flüchtigkeit vor, mit einer Leichtigkeit, die ohne Gram über das Verschwundene und Wiedergefundene erzählt. 'nimmer' erschafft Momente, in denen wir über die Gegenwärtigkeit der Bewegungen einen unendlichen Raum der sich wiederholenden Vorgänge erkennen.

Die Kompositionen des Verwunderlichen, diese Fragen nach dem Verschwinden und Wiederfinden trägt ein Körper in den Bewegungen durch den Raum vor. Antje Pfundtner ist für das Publikum ein spiegelndes Gegenüber, das sich unheimlich nah heranbeugt und dann wieder weit entfernt. Wie ein Vermessungsingenieur ein Gelände kartografiert, so untersucht sie den theatralen Raum immer wieder neu. Sie entdeckt Skurriles, legt allerhand Absurditäten frei, die mal Komödie (wie kommt ein Kind in einen Kühlschrank?), mal Tragödie (das tanzende Skelett) gekonnt verwebt. Hinter dem Aufdecken und Verborgenhalten scheinen unsere Vorstellungen und Denkmodelle zur Vergänglichkeit durch. Es ist zum Innehalten wie zum aus der Haut fahren.

Steffen Moor, Kurator

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